Ausgabe 04 / 2017, Die Aktuelle, Herz & Seele
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Ein bereicherndes, friedliches Miteinander der Unterschiede

Zusammen ist man weniger allein

Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht den Kontakt zu anderen Menschen, sonst wird er krank. Das belegen zahlreiche Studien. Dennoch gibt es immer mehr Menschen, die alleine leben und arbeiten: Traditionelle Zusammenhänge wie Familien und lebenslange Arbeitsverhältnisse brechen weg, man möchte sich selbst verwirklichen oder findet einfach nicht den passenden Partner. Doch das Bedürfnis irgendwo dazuzugehören, ist ungebrochen. Galten „allein“ und „zusammen“ bisher als Gegensatz, so wird aus diesem Entweder-oder langsam aber sicher ein Sowohl-als-auch …

Text: Jana Pajonk

Denn der Mensch wäre kein Mensch, wenn er nicht auch hier mit kreativen Lösungen käme, um alte Muster aufzubrechen. Viele der Möglichkeiten, in denen der Mensch ganz er selbst (allein) und gleichzeitig mit anderen verbunden (zusammen) sein kann, erkennt man an dem Präfix „Co“ (von Lateinisch con/com = zusammen). Zwei Beispiele:

COWORKING – ZUSAMMEN SELBSTSTÄNDIG ARBEITEN

Menschen, die freiberuflich oder selbstständig arbeiten, aber nicht auf Kolleginnen und Kollegen verzichten wollen, betreiben heute Coworking. Eine von ihnen ist Martina Ecklebe aus Leipzig. Als sie vor sieben Jahren mit ihrem Freund in die sächsische Stadt zog, freute sie sich zunächst sehr darauf, zu Hause zu arbeiten, denn so musste sie ihren alten Job für den Umzug nicht aufgeben. Doch aus der Gemütlichkeit im Homeoffice wurde schnell Einsamkeit. „Ich vermisste es, Kollegen zu haben. Und da ich neu in der Stadt war, kannte ich auch niemanden, mit dem ich mich zum Mittagessen hätte verabreden können“, berichtet die 37-jährige. „Ich kam einfach nicht mehr raus und war immer allein. Arbeit und Privatleben waren plötzlich eins. Das war nichts für mich.“

Wohlfühlatmosphäre statt grauem Büro-Schick

Martina Ecklebe (links) und Jeanine Böger haben im „Haus K“ des Tapetenwerks in Leipzig auf über 180 Quadratmetern und einer riesigen Sonnenterasse viel Platz zum kreativen Arbeiten geschaffen. (Bildrechte: © Raumstation Coworking Leipzig/ Claudia Masur)

In einem Coworking-Space, wo Menschen gemeinsam arbeiten, ohne dass sie beruflich miteinander zu tun haben, trifft sie auf Gleichgesinnte und gründet zusammen mit Jeanine Böger 2011 sogar einen eigenen: die Raumstation Coworking Leipzig. „Wir mieteten zwei große, helle Räume in einer alten Fabriketage“, erzählt Martina Ecklebe. „Auf sterile Büros hatten wir keine Lust, deswegen gibt es bei uns blaue Holztische, rote Stühle, eine Schaukel und eine Dachterasse.“ In der Gemeinschaftsküche gibt es Tee und Kaffee. Manche kommen nur mal ein paar Tage, andere regelmäßig hierher.

Nicht zuhause sein, aber sich zuhause fühlen

„Wir sind eine Gemeinschaft, beruflich und sozial“, sagt die Co-Gründerin. „Viele machen gemeinsam Mittagspause oder gehen mal abends zusammen weg. Man klaut sich zwischendurch ein Stück Schokolade oder schaut ein lustiges YouTube-Video an“, fügt sie schmunzelnd hinzu. „Wir unterstützen uns, manchmal ergeben sich gemeinsame Projekte. Aber es ist alles kein Muss“, erklärt Martina. „Dadurch, dass es keine echten Kollegen sind, ist das Verhältnis viel unverkrampfter. Man kann einfach man selbst sein – auch beim Arbeiten. Das ist ein echter Wohlfühlfaktor.“ In der Raumstation Leipzig kommen die unterschiedlichsten Menschen und Berufe zusammen. Die meisten kommen her, weil sie Austausch suchen. Viele sind neu in der Stadt, wie Martina damals. Sogar ein Pärchen hat sich hier gefunden, das inzwischen zwei Kinder hat.

Übrigens: Es inzwischen fast in jeder größeren deutschen Stadt. Eine gute Übersicht samt Links findet man unter: www.coworking.de

COMMUNITY & COHOUSING – LEBEN IN GEMEINSCHAFT

Was mit Hipp ie-Kommunen in den 1960er-Jahren für eine erste Massenbewegung sorgte, ist heute in den unterschiedlichsten Formen anzutreffen: Leben in Gemeinschaften. Sie alle verbindet ein Lebensraum, den sie gemeinsam gestalten, und der Wunsch, mit anderen verbunden zu sein.

Eine von vielen Communities gibt es in Bad Belzig bei Berlin: Das Zentr um für exper imentelle Gesellschaftsgestaltung, kurz: ZEGG. Es wurde 1991 mit dem Ziel gegründet, ein Modell für eine friedliche Kultur des Zusammenlebens zu schaffen. Die Anerkennung der Gemeinnützigkeit des ZEGG Bildungszentr ums 2015 zeigt, dass das gelungen ist.

Menschen können auch friedlich zusammenleben

Rund 100 Menschen leben auf dem 16 Hektar großen Gelände, viele von ihnen arbeiten auch hier. Jeder hat seinen Raum – entweder eine eigene Wohnung oder ein WG -Zimmer. Es gibt Singles, Paare und Familien. Die älteste Bewohnerin ist Mitte 90, der jüngste ein paar Monate alt. Die Versorgung w ird gemeinschaf tlich organisiert. So findet ein Großteil des Gemeinschaftslebens bei den Mahlzeiten im Restaurant statt, in dem jeder Fr ühstück, Mittag- und Abendes sen bekommt, wenn er möchte.

Cordula Andrä ist hier mittags oft anzutref fen. Die Ex-Berlinerin ist Mitglied der ZEGG- Gemeinschaft und kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. „ Ich kam in einer Zeit hierher, als mein Leben im Umbruch war“, erzählt die 50-jähr ige. „Ich fühlte mich in meinem Leben in der Großstadt und meinem Job nicht mehr wohl. E s zog mich aufs Land und da ich Single war, wollte ich gern mit anderen zusammenleben. Als ich hierher kam, habe ich sofort gewusst, das ist es“, berichtet sie strahlend. „Im ZEGG geht es nicht nur um Ökologie, es gibt auch viel Kunst und das Soziale ist ganz wichtig. Ich habe gleich viele schöne Gespräche geführt“, verrät die Politikwissenschaf tlerin. „Die Leute hier sprechen schnell über Wesentliches, halten sich nicht lange mit Oberflächlichkeit auf. Außerdem ist es lustig und ein tolles, tatsächlich
generationsübergreifendes Miteinander.“

Es ist immer jemand da

© ZEGG

Die ständigen Kontakte ließen die Persönlichkeit schnell reifen und wachsen, üben in Konfliktlösung und Kompromissbereitschaft. Das kann aber auch anstrengend sein. „Man muss Menschen wirklich lieben und Lust haben, sich mit ihnen zu beschäftigen. Hier ist immer was los“, lacht Cordula Andrä, der es nach ein paar Jahren et was viel wurde. Sie lebt jetzt in der Nachbarschaft. Als Gemeinschaftsmitglied ist sie nach wie vor aktiv, arbeitet hier und ist gern im ZEGG. „Hier fühle ich mich nie allein“, sagt sie. „Es gibt immer jemanden, mit dem ich reden kann und der mich auffängt, wenn es in meinem Leben mal turbulenter zugeht.“

Wer wünscht sich das nicht? Genau um dieses Gefühl geht es allen, die sich einer Community oder einem Coworking anschließen. Und diese Menschen werden nicht enttäuscht. Denn: Zusammen ist man weniger allein!

Übrigens: In der Datenbank gemeinschaftlicher Wohnprojekte sind derzeit 554 Projekte im gesamten Bundesgebiet verzeichnet. Eine Übersicht über bereits realisierte Projekte und Neugründungen findet man unter: www.wohnprojekte-portal.de