Ausgabe 03 / 2017, Die Aktuelle, Herz & Seele, Ratgeber, Sonstiges
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Interview mit Hausarzt und Autor Dr. Frank Meyer zu Salutogenese

Zauberwort Salutogenese: „Die größten Heilkräfte liegen in uns selbst”

Ein Perspektivwechsel von den Schwächen hin zu den Stärken unseres Organismus hilft, Krankheiten zu heilen und vorzubeugen. Wer weiß, was ihm gut tut, kann damit nicht nur seinem Körper helfen, sondern auch mehr Freude und Freiheit in seinem Leben erfahren. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin sprach mit Hausarzt und Autor Dr. Frank Meyer aus Nürnberg über die Quellen der Gesundheit.

Interview: Jana Pajonk

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Herr Dr. Meyer, in der Regel schaut die Medizin auf die Schwachstellen unseres Organismus, um uns zu heilen. Für Sie ist die Gesundheit mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. Was bedeutet Gesundheit also für Sie?

Dr. Frank Meyer: Wenn ich mich körperlich, seelisch sowie geistig ausgeglichen und lebendig fühle, wenn ich den Drang in mir verspüre, mich selbst zu verwirklichen, zu lernen, Neues zu schaffen und mich weiterzuentwickeln, dann bin ich gesund. Wenn Gesundheit gelingt, erlebe ich Wohlbefinden, Freude, Sinnerfüllung und die Freiheit, das zu wollen, was mir guttut. Gesundheit fällt keinem Menschen von selbst zu, und man kann sie nicht festhalten. Sie will immer wieder aufs Neue aktiv errungen werden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Und wie erringt man diesen Zustand?

© Jürg Buess

© Jürg Buess

Dr. Frank Meyer: Indem ich lerne, auf mich selbst zu achten. Ich kann so herausfinden, was mir ganz persönlich hilft und gut tut. Krankheiten können eine wunderbare Gelegenheit dazu sein. Sie weisen mich darauf hin, dass etwas im Ungleichgewicht ist. Ich kenne viele Menschen, die schlimme Erkrankungen durchgemacht haben und jetzt sagen, ihr Leben ist reicher geworden. Sie haben die Chance genutzt, genauer hinzusehen, schädliche Angewohnheiten abgelegt und Dinge in ihren Alltag integriert, die gut für sie sind.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wenn wir mit einem Infekt zum Arzt gehen, fragt der uns eher selten nach unseren Lebensgewohnheiten. Er hört uns ab, verschreibt Medikamente und dann ist der nächste dran. Was machen Sie anders als die meisten Mediziner?

Dr. Frank Meyer: Die Schulmedizin arbeitet nach dem Prinzip der Pathogenese; Sie fragt nach den Ursachen einer Krankheit und versucht, diese zu beseitigen. Mein Ansatz ist die sogenannte Salutogenese. Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und setzt sich zusammen aus salus (Gesundheit oder Wohlbefinden) und genese (Entstehung). Ich frage also: Wie entsteht Gesundheit?

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Und was bedeutet das, wenn man zum Beispiel mit Rückenschmerzen zu Ihnen kommt?

Dr. Frank Meyer: Ich gehe anders mit Beschwerden um. Wenn jemand mit Rückenschmerzen kommt, versuche ich, mit ihm gemeinsam herauszufinden, was dahinter steckt. In den seltensten Fällen ist nämlich die Wirbelsäule kaputt. Stattdessen sind es bestimmte Situationen, die Verspannungen und Schmerzen auslösen – zum Beispiel Stress am Arbeitsplatz oder mangelnde Bewegung. Mit einer Schmerzspritze ist da nur kurzfristig geholfen. Verwende ich hingegen ein pflanzliches Arzneimittel, das die Schmerzen nur abmildert und der Patient lässt sich auf eine Änderung seiner Gewohnheiten ein, kann er unmittelbar erspüren, was ihm hilft. Damit ist ihm auch langfristig geholfen. Wie gesagt, Beschwerden können uns dabei helfen zu lernen, was uns gut tut. Wenn wir dazu bereit sind.

Sanitätshaus Aktuell Magazin: Sind denn Ihre Patienten dazu bereit?

Dr. Frank Meyer: Das ist sehr unterschiedlich. Manche sind offen. Sie freuen sich, dass ich mir Zeit für sie nehme und gehen mit mir zusammen auf die Suche nach den Quellen ihrer persönlichen Gesundheit. Andere sind skeptisch und sagen: „Herr Doktor, ich will ein richtiges Medikament haben!“ Diese Menschen bekommen auch eine herkömmliche medikamentöse Behandlung, wenn sie sinnvoll ist. Aber ehe ich jemandem mit zu viel Therapie schade, verliere ich lieber mal einen Patienten. Grundsätzlich versuche ich, jeden da abzuholen, wo er ist. Vertrauen ist die Basis meiner Arbeit.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Was hat Sie dazu bewogen, sich entgegen der üblichen Praxis statt auf Krankheiten auf die Gesundheit zu konzentrieren?

Dr. Frank Meyer: Es gab ein Schlüsselerlebnis. Bevor ich anfing, Medizin zu studieren arbeitete ich in der Krankenpflege auf einer Krebsstation. Das war 1980. Ich sah, wie Menschen, die zwar Krebs hatten, aber fit waren, also sich bewegen und für sich sorgen konnten, unter der Therapie immer kränker und hilfsbedürftiger wurden – teilweise mit tödlichem Ausgang. Das hat mich zutiefst erschüttert. Zeitgleich las ich „Die Nemesis der Medizin“ des Philosophen Ivan Illich. Er erklärt, wie die Entwicklung des modernen Gesundheitswesens zur Überversorgung geführt hat, so dass die Menschen den Kontakt zu sich selbst und damit die Fähigkeit, sich selbst zu helfen,
verloren haben. Das ist bis heute so. Nirgendwo ist die Autoritätsgläubigkeit höher als in der Medizin. Dabei liegen die größten Heilkräfte in einem jeden selbst. Das weiß auch die Anthroposophische Medizin, in der ich eine Heimat gefunden habe.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Kann jeder, auch ohne einen Hausarzt wie Sie es sind, Salutogenese betreiben? Wenn ja, haben Sie ein paar Tipps für den Alltag?

Dr. Frank Meyer: Natürlich; TUN SIE, WAS IHNEN FREUDE MACHT! Das klingt jetzt
vielleicht etwas banal. Aber wenn Sie Yoga machen oder meditieren, sich sportlich oder künstlerisch betätigen, entwickeln Sie sich nicht nur weiter, sondern fördern zugleich Ihre Gesundheit. Also finden Sie heraus, was Ihnen gut tut und machen Sie das zu Ihrem Lebensinhalt. Und ganz wichtig: Bringen Sie Ihren Kindern und Enkeln bei, ebenso auf sich zu achten.

SANITÄTSHAUS AKTUELL MAGAZIN: Herzlichen Dank für das Interview!

Dr. Frank Meyer ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Akupunktur und Anthroposophische Medizin (GAÄD) mit eigener Hausarztpraxis in Nürnberg. Er schreibt Bücher, gibt Interviews und hält Vorträge, um auch Menschen, die nicht in seine Praxis kommen, für die Quellen ihrer persönlichen Gesundheit zu öffnen. Seine Arbeit ist Teil seiner eigenen Salutogenese, sagt der sympathische Mediziner. Was Sie selbst tun können, um Ihre ganz persönliche Gesundheit zu fördern, hat Dr. Meyer in seinem Buch „Besser leben durch Selbstregulation. Ein heilsamer Begleiter durch Gesundheit und Krankheit“ (Taschenbuch, 2011, 3. Auflage, 272 Seiten) zusammengetragen.