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Interview mit Dr. Joachim T. Maurer über das Schnarchen

“Schnarchen ist ein Symptom und keine Krankheit”

Dr. Joachim T. Maurer ist Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der HNO-Klinik an der Universitätsklinik Mannheim. SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin sprach mit ihm über Schlaf- und Gesundheitsprobleme durch das Schnarchen.

 

© Joachim T. Maurer

© Joachim T. Maurer

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Was sind die häufigsten Ursachen für das nächtliche Schnarchen?

Maurer: Das männliche Geschlecht ist der größte Risikofaktor. Männer schnarchen aufgrund ihrer Hormonlage deutlich häufiger als Frauen bis zu den Wechseljahren. Die männlichen Hormone haben eine geringere Anspannung der Rachenmuskulatur im Schlaf zur Folge. Durch die mangelnde Spannung kommt es vorwiegend beim Einatmen zu Vibrationen des Weichgewebes, wie z.B. dem Gaumensegel. Grundsätzlich können aber alle Wände der Atemwege von den Vibrationen betroffen sein. Die unterschiedlichen Schnarchfrequenzen geben Hinweis darauf, wo genau das Geräusch im Rachen entsteht. Ein zweiter Faktor für das Schnarchen ist das Körpergewicht. Fett lagert sich im Rachen und in der Zunge an und verengt dort die Atemwege. Auch hier sind Männer im Nachteil: Sie neigen bei Übergewicht mehr zur Fetteinlagerung in diesem Bereich als Frauen. Ein dritter Faktor ist die Schlafposition. Rückenschläfer schnarchen häufiger als Seiten- oder Bauchschläfer. Die Schwerkraft in Rückenlage führt dazu, dass Nase und Mund beim Schlafen geöffnet sind. Der Kiefer rutscht nach hinten, die Muskulatur erschlafft, der Platz, der für die Luft zur Verfügung steht, wird weniger. Schnarchen beginnt typischerweise auf dem Rücken und tritt erst später in den anderen Körperpositionen auf. Darüber hinaus können vergrößerte Mandeln oder ein vergrößertes Zäpfchen Schnarchgeräusche auslösen. Grundsätzlich gilt: Alles, was die Atemwege im Schlaf einengt, fördert die Vibration der Weichteile im Rachen und somit das Schnarchen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Position bezieht die Schlafforschung zur Aussage: Schnarchen ist gesundheitlich unbedenklich?

Maurer: Schnarchen ist in der Tat keine Krankheit, sondern ein Symptom. Es gilt als unbedenklich, solange es keine Veränderungen des Schlafes mit sich bringt, also keine Atempausen oder Schlafapnoe vorliegen. Schnarchen mit Atemaussetzern wird als obstruktive Schlafapnoe bezeichnet und ist inzwischen als Krankheit anerkannt. Neueste Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Schnarchern ohne Atemaussetzer und einer Verdickung der Gefäßwände der Halsschlagader hin. Die Daten geben erste Hinweise darauf, dass die chronischen Vibrationen beim Schnarchen Einfluss auf die Dicke der Gefäßwände nehmen. Vergleichbare Schädigungen durch langandauernde Vibrationen finden sich beispielsweise auch an den Händen und den Unterarmen von Bauarbeitern, die häufig mit dem Presslufthammer arbeiten. Die regelmäßigen Vibrationen führen sowohl in den Händen als auch im Rachengewebe zu Schädigungen der Nervenenden. Die Steuerung der Muskulatur wird schwieriger. Die Muskulatur verliert dadurch an Spannkraft. Das Risiko, mit fortschreitendem Alter an gefährlichen Atemaussetzern zu leiden, steigt.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wer leidet mehr unter dem Schnarchen: Der Schnarchende oder sein Partner?

Maurer: Eindeutig der Partner. Wenn er oder sie erst nach dem Schnarchenden einschläft, können die unterschiedlichsten Geräusche den Einschlafvorgang stören: vom Wilhelm-Busch-Schnarchen, das durch Vibrationen des Gaumensegels ausgelöst wird, bis zum zungenlastigen Fauchen und Zischen sind der Geräuschvielfalt kaum Grenzen gesetzt. Schnarchen ist auch ein kulturelles Phänomen. In Kulturen, in denen Frauen und Männer generell nicht zusammen in einem Bett schlafen, gibt es diese Probleme nicht. Bei uns ist meistens der Ehepartner, also überwiegend die Frau, die treibende Kraft, wenn es darum geht, eine Lösung für das Schnarchen zu finden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Unter welchen Symptomen leiden typischerweise die Bettpartner?

Maurer: Ein- und Durchschlafstörungen haben ein ganzes Bündel an Symptomen zur Folge: Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmungen, größere Reizbarkeit bis hin zu erhöhtem Blutdruck und Herzrhythmusstörungen. Wenn sich die Partner entschließen, getrennt zu schlafen, kann es zu Beziehungsproblemen kommen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche medizinischen Maßnahmen gibt es gegen das Schnarchen?

Maurer: Manchmal reichen einfache Maßnahmen zur Behandlung der Ursachen aus, wie z.B. die Verbesserung der Nasenatmung durch bestimmte Nasensprays für den Langzeiteinsatz oder die Einnahme eines Antihistamins bei Allergien. Häufig wird auch durch ein Lagetraining versucht, die Schlafposition zu ändern. Keilwesten oder Lagepositionstrainer mit Vibration versuchen, den Rückenschläfer in der Seitenlage zu halten. Protrusionsschienen sollen das Zurückfallen von Kiefer und Zunge in den Rachenraum während des Schlafens verhindern. Operationen, z.B. der Nasenscheidewand, der Mandeln, des Zäpfchens oder des Gaumensegels können ebenfalls im Einzelfall hilfreich sein. Da Schnarchen nicht als Krankheit gilt, übernehmen die Krankenkasse jedoch keine Kosten für Maßnahmen gegen das Schnarchen ohne Atempausen. Es gibt allerdings keine Garantie für den Erfolg einer Maßnahme. Jede Operation ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Die nicht invasiven Maßnahmen, wie z.B. das Lagetraining oder die Unterkieferschiene verlangen nach regelmäßiger Nutzung. Häufig empfindet sie der Schnarcher auf Dauer als unangenehm und stellt die Nutzung nach einer gewissen Zeit ein, zumal er selbst unter seinem Schnarchen nicht leidet. Vielen Schnarchern würde schon eine Gewichtsabnahme helfen. Diese scheitert jedoch oft am Durchhaltevermögen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: An der Universitätsklinik Mannheim wurde eine klinische Studie unter Ihrer Leitung durchgeführt, in der 22 Probanden das Schlaf- und Schnarchverhalten mit aktivem Kissen (mit und ohne Nackenstützfunktion) und mit passivem Kissen (mit und ohne Nackenstützfunktion) insgesamt vier Wochen getestet haben. Die Probanden und ihre Bettpartner dokumentierten in dieser Zeit ihr subjektives Schlafempfinden. Gleichzeitig wurden die Schnarchdauer und das Schlafverhalten der Probanden im Schlaflabor während der beiden Testphasen ermittelt. Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse der Studie?

Maurer: Gegenstand der Studie war die Untersuchung des Schnarchens und der Schlafqualität bei 22 Probanden unter Einsatz des Kissens. Das Studiendesign war methodisch hochwertig. Die Einteilung, wer wann ein aktiviertes Kissen nutzt, war zufällig. Die Probanden hatten insgesamt zwei Wochen Gelegenheit, sich an das Kissen zu gewöhnen. Die eigentliche Testphase bestand aus zwei weiteren Wochen Kissennutzung im häuslichen Umfeld mit zwei Nächten im Schlaflabor im Anschluss. Es konnte das Ergebnis eines früheren Feldtests der Reduktion der Schnarchdauer um 67% in dieser deutlich anspruchsvolleren Studie mit einer signifikanten Verringerung der Schnarchmenge bestätigt werden, ohne dass es zu einer Verschlechterung von Schlaf und Atmung kam. Die Bettpartner berichteten ebenfalls von einer spürbaren Lärmreduktion.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Ist es medizinisch sinnvoll, das Kissen als vorbeugende Maßnahme gegen die Symptome des Schnarchens sowohl bei den Schnarchern selbst als auch bei den Bettpartnern einzusetzen?

Maurer: Auf jeden Fall. Das Kosten-Risiko-Verhältnis erscheint sehr günstig. Mit dem Kissen schnarcht der Patient ohne zusätzliche Belastung und Beeinträchtigung des Schlafverhaltens deutlich weniger. Es könnte damit eine hohe präventive Funktion für die Menschen haben, bei denen es funktioniert. Je früher das Schnarchen reduziert wird, desto weniger wahrscheinlich ist es nach heutigem Kenntnisstand, dass der Schnarcher mit fortschreitendem Alter an obstruktiver Schlafapnoe erkrankt. Für die Bettpartner werden gleichzeitig die Nächte ruhiger und die Ein- und Durchschlafsymptome gehen zurück.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie wichtig ist eine mehrwöchige Eingewöhnungszeit für den Erfolg des Kissens?

Eine konservative Therapie steht und fällt mit der regelmäßigen Anwendung. Der Schnarcher muss herausfinden, ob er auf dem flachen oder dem hohem Kissen besser schläft. Er muss sich an die Kissenform gewöhnen. Diese Zeit sollte er sich nehmen. Wichtig ist, dass er sich wohl fühlt, sonst wird er das Kissen nicht dauerhaft nutzen und es kann seine präventive Wirkung nicht entfalten.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.