Ausgabe 01 / 2016, Die Aktuelle, Ratgeber, Rehabilitationstechnik
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Interview mit Rollstuhlmodel Nina Wortmann

Nina Wortmann: “Leute geht raus, lebt euer Leben”

Nina Wortmann hatte 2003 einen schweren Autounfall und ist seitdem querschnittsgelähmt. Ihre damals zwei Jahre alte Tochter Scarlett saß ebenfalls im Auto und blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Heute ist die 35-jähige erfolgreiches Rollstuhlmodel. Ihre zweite Leidenschaft gehört dem Rollstuhl-Rugby. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin sprach mit der Westfälin über ihren Weg auf den Laufsteg, ihre Einstellung zu behinderten Menschen und ihre Sicht auf das Leben.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Wollten Sie schon vor Ihrem Unfall Model werden?

Wortmann: Überhaupt nicht. Ich habe mich auf Fotos immer ganz hässlich gefühlt und habe mich auch nie fotografieren lassen, weil ich immer nur meine große Nase gesehen habe. Heute weiß ich, dass das totaler Quatsch ist.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Und dann dachten Sie „jetzt erst recht“?

Wortmann: Nein, immer noch nicht. 2004, also ein Jahr nach dem Unfall, schlug mir mein Mann vor, doch an „Beautys in Motion“, dem ersten Modelcontest für Frauen im Rollstuhl, teilzunehmen. Ich sträubte mich, doch irgendwie gelang es ihm, mich zur Teilnahme zu überreden und ich meldete mich an. Ich kam unter die ersten zehn. Nach dem Contest rief mich der Fotograf Konstantin Eulenberg, der auch in der Jury saß, an und fragte mich, ob ich nach Hamburg kommen möchte, Fotos zu machen. Ich sagte zu. So fing alles an. Mit Karsten arbeite ich heute noch zusammen.

© Konstantin Eulenberg

© Konstantin Eulenburg

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Models sagt man nach, dass sie besonders zickig sind. Gehen die gesunden Models mit Ihnen besonders behutsam um?

Wortmann: Gezickt wird immer, ob behindert oder nicht. Das habe ich bereits damals bei dem Contest für Models im Rollstuhl erlebt. Die anderen neun Finalistinnen waren der Meinung, ich dürfe gar nicht mitmachen, da ich noch nicht so lange im Rollstuhl sitze. Und später, etwa auf der Berlin Fashion Week, bin ich auch nicht mit Samthandschuhen berührt worden, im Sinne von besonders politisch korrekt. Zickig zu sein oder behandelt zu werden ist kein Problem von behindert oder nichtbehindert, eher eine Frage des Geschlechts. Ich glaube Frauen können das genetisch bedingt einfach besser.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Haben es Rollstuhlfahrer schwer in der Showbranche?

Wortmann: Ich finde es zum Beispiel eine Katastrophe, dass etwa bei Filmproduktionen für eine entsprechende Rolle gesunde Menschen in einen Rollstuhl gesetzt werden. Wir haben so viele begabte Rollstuhlfahrer, die in dem Bereich arbeiten, etwa Samuel Koch.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Wie sind Sie früher als Teenager selbst mit behinderten Menschen umgegangen?

Wortmann: Meine Mutter war Physiotherapeutin und hat mich als kleines Mädchen oft mitgenommen. Ich habe die Behinderung der Menschen, die sie behandelt hat, gar nicht wahrgenommen. Auch nicht als Teenager, in einem Alter in dem man gerne mal kichert. Klar guckt man Leute automatisch an, die anders sind. Das mache ich aber heute auch noch und das ist normal. Mein Bruder ist über zwei Meter groß, das fällt auch auf. Das schaut übrigens total witzig aus, wenn ich neben ihm herrolle.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Wie kann Inklusion am besten gelingen?

Wortmann: Die sogenannte Inklusion haben wir behinderten Menschen selbst in der Hand. Ich rede nicht von Inklusion, ich lebe sie. Ich bin vollwertiges Mitglied der Gesellschaft und so gehe ich auch auf die Menschen zu. Es funktioniert nicht, von anderen zu verlangen, dass sie wissen, welche Bedürfnisse ich gerade habe. Wenn ich möchte, dass mir jemand die Tür aufmacht,
dann sage ich das. Und derjenige macht das dann auch.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Was raten Sie anderen behinderten Menschen?

Wortmann: Andere Rollstuhlfahrer beklagen sich oft bei mir, dass sie immer angestarrt werden. Dann sage ich: „Schau zurück und lächle, dann lächeln die Menschen zurück“. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das funktioniert. Jeder, der sich in eine Opferrolle begibt, bleibt auch Opfer. Ich empfehle jedem mit Behinderung: Zieht euch an, habt Spaß, geht auf Konzerte, lebt euer Leben!

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Ihre nächsten Pläne?

Wortmann: Modeln ist neben Rollstuhl-Rugby zu meinem liebsten Hobby geworden. Ich modle für einen Rollstuhlhersteller und für ein Label, das Mode für Rollifahrer macht. Da steht dieses Jahr wieder ein Shooting an. Auch auf die Anfrage einer Studentin der M3-Modeschule in Hannover habe ich gleich zugesagt. Die meisten Jobs mache ich aber ehrenamtlich oder ich spende das Geld. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass wir Behinderte genau denselben gesellschaftlichen Platz haben, wie Fußgänger.

SANITÄTSHAUS AKTUELL: Vielen Dank für das Gespräch!