Ausgabe 03 / 2019, Die Aktuelle, Herz & Seele
Schreibe einen Kommentar

Montessori für Senioren

Was für Kinder konzipiert wurde, hilft auch Alten: der Blick auf das Wesentliche. In Montessori-Wohngemeinschaften können an Demenz Erkrankte Selbstwirksamkeit, Sinn und Gemeinschaft erleben.

Text: Jana Pajonk

In Berlin-Friedenau, einer ruhigen Gegend im Stadtteil Schöneberg, steht ein fünfstöckiges Haus, ein Neubau mit klaren Konturen und einem Aufzug. Ein buntes Schild mit einem roten Kreis, einem blauen Dreieck und einem rosa Quadrat neben der Eingangstür verrät, dass hier drin einiges anders läuft als in den Häusern rundherum. „Montessori & Friends“ steht darauf. Hier gilt der Leitsatz: „Hilf mir, es selbst zu tun!“

Bedürfnisse des Kindes stehen im Mittelpunkt

Dieser Satz steht sinnbildlich für die von Maria Montessori entwickelte Pädagogik, die das Kind und seine Bedürfnisse konsequent in den Mittelpunkt stellt. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch mit einem eigenen inneren Bauplan geboren wird, nach dem er sich optimal entwickelt, wenn man ihn denn lässt. Die Aufgabe der Pädagogik besteht darin, die Umgebung so zu gestalten, dass das Kind diesem Bauplan folgen kann. Dazu braucht es eine liebevolle, wertschätzende Umgebung, Pädagogen, die das Kind genau beobachten und erkennen, wann es was braucht, um selbstständig den nächsten Schritt in der Entwicklung zu tun.

In den unteren drei Etagen des Hauses in Friedenau wimmelt es von Kindern zwischen einem und sechs Jahren, die sich nach diesem Konzept entwickeln dürfen, im Kinderhaus von Montessori & Friends. In den Etagen darüber geht es wesentlich langsamer zu. Hier wohnen neun Menschen zwischen 65 und 90 Jahren in einer Montessori-Wohngemeinschaft. Die Männer und Frauen blicken auf ganz unterschiedliche Leben zurück, kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, teilweise auch aus anderen Kulturen. Sie alle verbindet eine Krankheit: Demenz, das stückweise Wegbrechen der Gegenwart des Geistes. Jeder hier braucht Unterstützung, Betreuung und Pflege – erst hier und da, dann, irgendwann, rund um die Uhr. Wie passt diese Krankheit mit einer selbstbestimmten Entwicklung nach Montessori
zusammen?

„Was ist noch möglich?“

„Wir schauen genau hin“, erklärt Iwona Schwarz. Sie ist Pädagogin, Altenpflegerin und Montessori-Lebenstrainerin und hat diese und zwei weitere Wohngemeinschaften des Betreibers mit aufgebaut. „Bei jedem Menschen, der hier lebt, stellen wir uns die Frage: Was ist noch möglich?“ Und das ist mehr, als man sich ad hoc vorstellen kann. Bei Ursula* zum Beispiel ist die Demenz schon weit vorangeschritten. Sie braucht lange, um Vertrauen zu Menschen zu fassen, und es gelingt ihr gerade so, sich an die Namen ihrer beiden Schwestern zu erinnern. Aufschreiben kann sie sie nicht mehr. Aber mithilfe eines Buchstabenstempel-Karussells und einer sanften Begleitung stehen die Namen der drei Schwestern schließlich in großen Buchstaben auf einem Blatt. Nebenan am großen Tisch im Gemeinschaftsraum sitzt Akari*, eine Japanerin und ehemalige Krankenschwester. Das Schreiben mit der Hand fällt auch ihr schwer, aber mithilfe des Buchstaben-Karussells stempelt sie problemlos Worte nach, die ihr eine Betreuerin auf einen Zettel geschrieben hat. Andere spielen miteinander Stadt, Land, Fluss. Und auf dem Sofa, gleich neben dem Tisch, hält jemand ein Nickerchen.

*Namen wurden von der Redaktion geändert.

„Wir arbeiten mit den Ressourcen“, erklärt die Montessori-Lebenstrainerin. „Das Tempo bestimmen die Bewohner.“ Tatsächlich ist hier von dem Zeitdruck, der in so vielen Pflegeheimen
herrscht, nichts zu spüren. Ein Pfleger bereitet gerade in der Gemeinschaftsküche etwas vor, während andere sich liebevoll einzelnen Bewohnern zuwenden. 20 Menschen in zwei Stunden waschen, so etwas kennen die Mitarbeiter hier nicht. Zeit spielt eine andere Rolle, nämlich als Hier und Jetzt. Wenn ein Bewohner morgens nicht gewaschen werden möchte, probiert man es eben später, zu einem anderen Zeitpunkt erneut. Natürlich gibt es auch hier feste Regeln und Essenszeiten, aber man schaut zunächst auf den Menschen und ist flexibel.

Aktivierende Pflege

Das Pflegekonzept, nach dem hier gearbeitet wird, heißt Aktivierende Pflege. „Wir beziehen die Bewohner in die Pflege und Betreuung ein“, erklärt die stellvertretende Pflegedienstleitung Ulrike Hohlbein. „So bewahren wir ihre Selbstständigkeit, so viel und so lange wie möglich.“ Die dazu passende Idee von Maria Montessori heißt: vorbereitete Umgebung. Hier bedeutet das beispielsweise, dass Kuchen nicht jedem automatisch als Stück auf dem Teller serviert wird. Stattdessen wird alles so weit vorbereitet, dass sich Bewohner, denen man es zutraut, selbst bedienen können.

„Eine Bewohnerin ist von einem anderen Heim hierhergezogen, wo der Kaffee in sehr großen Kannen serviert wurde, die die alte Dame nicht mehr anheben konnte“, erzählt Hohlbein. In der WG gibt es kleine Kännchen. Nach ein paar Tagen griff die Frau plötzlich zur Kanne und goss sich wieder selbst Kaffee ein. „Darüber war sie so erfreut, dass sie ihrer Sitznachbarin umgehend Kaffee anbot und ihr ebenfalls einschenkte“, erzählt die stellvertretende Pflegedienstleiterin begeistert.

Glücksmomente bei allen Beteiligten

Solche Begebenheiten gibt es häufiger. Sie sorgen für Glücksmomente bei allen Beteiligten. „Die Stimmung ist ausgesprochen gut und zugewandt“, bestätigt Dr. Gerhard Enver Schrömbgens. Nach jahrelanger Pflege zu Hause hat er auf Anraten der Kinder seine Frau hier in Obhut gegeben. Alle zwei Tage besucht er sie. „Hier werden die Bewohner als Menschen gesehen“, sagt er voll Dankbarkeit.

Der Blick auf die Einzigartigkeit jedes Menschen, den Maria Montessori einst lehrte, ist in dieser Wohngemeinschaft allgegenwärtig. Er sorgt für ein Miteinander, das von Respekt und Wertschätzung geprägt ist und jeden Tag Überraschungen bereithält. So wird es nicht langweilig und das Leben macht Sinn, für die Betreuten ebenso wie für die Betreuer. „Wir können keine großen Dinge vollbringen, nur kleine, aber die mit großer Liebe“, steht auf dem Whiteboard über der Couch.

Bildrechte: © iStock.com/CrazyStripes/jusant/LoudRedCreative/Halfpoint, © Jana Pajonk, © privat