Aktuelles, Ausgabe 01 / 2016, Die Aktuelle, Orthopädietechnik, Ratgeber, Rehabilitationstechnik
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Beruf, Freizeit und Leben trotz Behinderung gut meistern

Lebenswerter Alltag mit Behinderung

Für Menschen mit einer Behinderung sind Ärzte, Sanitätshäuser und Therapeuten wichtige Personen, um trotz körperlicher Einschränkung mit Genuss am Leben teilnehmen zu können. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin berichtet für Sie, wie dies in der Praxis aussieht.

Text: Michi Jo Standl

© Dr. Klaus Herz

© Dr. Klaus Herz

In Deutschland leben rund 4,6 Millionen Menschen mit einem körperlichen Handicap. Dazu zählen unter anderem Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, denen Beine oder Arme fehlen und Blinde. Ein Netzwerk aus Ärzten, Sanitätshäusern, Therapeuten und anderen Experten sorgt mit Fachwissen und modernster Technik dafür, dass diese Menschen zurück in einen lebenswerten Alltag gelangen. In Deutschland gibt es gut 1.100 Vorsorge-und Rehabilitationseinrichtungen. Diese haben die Aufgabe, die Leistungsfähigkeit der Patienten wiederherzustellen und ihnen zu ermöglichen, aufs Neue am sozialen Leben teilzunehmen, wie Dr. Klaus Herz, Chefarzt der Fachklinik St. Hedwig, im saarländischen Illingen erklärt.

Mehrwöchiges, intensives Therapieprogramm

Nachdem ein Patient in eine Reha-Einrichtung verlegt wurde, steht ein intensives Therapieprogramm an, das meist mehrere Wochen dauert. Zusammen mit Sanitätshäusern, der Patient hat dabei die freie Wahl, und den Kostenträgern werden die notwendigen Hilfsmittel angepasst. Die Rehabilitation baut auf die Maßnahmen der Krankenhäuser auf. „Die Maßnahmen der Akutkliniken werden immer besser“, sieht der 59-jährige Mediziner die Zusammenarbeit als wichtigen Faktor im Heilungs- und Inklusionsprozess.

Sanitätshäuser zwischen Technik und Trost

© Michi Jo Standl

© Michi Jo Standl

Die reha teams der Sanitätshäuser sind für die Beratung, Auslieferung und Einweisung der notwendigen Hilfsmittel, wie Rollstühle, Treppensteiger oder Pflegebetten, zuständig. Nachdem verschiedene Hilfsmittel ausprobiert wurden, wird vom Arzt eine Verordnung oder ein Rezept ausgestellt. „Die Beratung der Sanitätshäuser ist wichtig, da zum Beispiel die Art des Rollstuhles vom Krankheitsbild abhängig ist“, erklärt Patrick Schulz, Orthopädie-Mechaniker und Geschäftsführer des Sanitätshauses Lattrich in Neunkichen im Saarland. „Es gibt die Standard-Rollstühle in verschiedenen Breiten und Höhen. Bei einer Querschnittslähmung zum Beispiel ist es aber notwendig, dass der Rollstuhl passgenau angefertigt wird“, fährt Jörg Lattrich, ebenfalls Geschäftsführer des Unternehmens, fort. Nach der Beratung und mit der Verordnung wird ein Kostenvoranschlag für die Krankenkasse erstellt und von dieser gegebenenfalls genehmigt. Auch für den laufenden Service, wie nachträgliche Einstellungen, Änderungen oder Reparaturen, Geschäftsführer, Orthopädie-Mechaniker und ausgewiesene reha team-Experten im Doppelpack: Patrick Schulz und Jörg Lattrich vom Sanitätshaus Lattrich stehen ihren Kunden bei allen, auch kniffligen Fragen rund um Hilfsmittel, wie Rollstühle, Treppensteiger oder Pflegebetten, zur Verfügung. ist gesorgt. Lattrich fährt fort: „Das ist das, was einen Fachbetrieb vor Ort von Onlineanbietern unterscheidet.”

Fingerspitzengefühl ist gefragt

Die beiden wissen aber auch, dass es im Umgang mit den Patienten nicht nur um Technik und Bürokratie geht. Menschen, die im Krankenhaus erfahren haben, dass sie zum Beispiel nie mehr gehen können, sind oft in einer schwierigen psychischen Verfassung. Umso mehr muss der Reha-Techniker beim ersten Kontakt in der Klinik mit Fingerspitzengefühl vorgehen. „Für den Beruf ist nicht jeder geeignet“, erzählen die beiden Geschäftsführer. „Wir hatten eine Mitarbeiterin, die uns leider verlassen hat, da sie mit den Schicksalen der Patienten nicht zurecht gekommen ist“, so Lattrich.

Träume leben trotz Behinderung

Viele betroffene Menschen tun sich schwer, in ein soziales Umfeld zu finden. Aber manchen gelingt doch das für Außenstehende schier Unglaubliche. Sie schaffen etwas, für das sie ohne Behinderung vielleicht gar keinen Ansporn gehabt hätten. Einer von denen, die ihren Traum leben, ist der Aschaffenburger Michael Amtmann. Der heute 65-jährige ist im Alter von fünf Jahren an Kinderlähmung erkrankt, von der Körpermitte abwärts vollständig gelähmt und inzwischen großteils auf den Rollstuhl angewiesen. Doch er hat sich einen Traum erfüllt, der über Jahrzehnte hinweg zu zerplatzen drohte. Er ist Privatpilot und darf eine Piper PA-28 fliegen.

Behindertengerechte Flugzeugsteuerung

© Michael Amtmann

© Michael Amtmann

Schon als Kind interessierte er sich für Flugzeuge, las Bücher und baute Modelle. 1971 ist er in den Flugsportclub Aschaffenburg eingetreten, hat jede freie Minute auf dem Flugplatz verbracht, „Hilfs- und Towerdienste versehen“, wie er erzählt. „Ich bin auch als Copilot bei längeren Auslandsflügen mitgeflogen.“, erinnert er sich. Michael Amtmann hat in den vergangenen Jahrzehnten, noch als Copilot im Team, mehrere Meisterschaften gewonnen. Die Sehnsucht, die Steuerung selbst in die Hand zu nehmen, wurde immer größer. Doch die an der entscheidenden Stelle sitzenden Flugmediziner wollten ihm keine Chance geben. Bis er 1983 nach einer dreitägigen Untersuchung im flugmedizinischen Zentrum der Luftwaffe in Fürstenfeldbruch endlich für die Pilotenlizenz zugelassen wurde. Seine Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Dann hat er angefangen, selbst eine behinderungsgerechte Steuerung für Flugzeuge vom Typ Piper PA-28 zu entwickeln. 1991 wurde diese zugelassen. „Ich bin der erste Deutsche mit einer Behinderung dieser Art, der auf ganz offiziellem Weg die Privatpilotenlizenz bekommen hat“, sagt er stolz. 1993 hat er zusammen mit anderen Flugbegeisterten die „Interessensgemeinschaft Luftsport treibender Behinderter“ („Die Rolli Flieger“) gegründet. Derzeit würde er aufgrund von Spätfolgen der Kinderlähmung nicht fliegen, sagt Amtmann etwas traurig. Er gebe aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann wieder am Steuer sitzen zu können. Altersobergrenzen gibt es beim Fliegen keine. Er fügt noch hinzu: „Wer sich für unseren Flugsport interessiert, kann sich gerne über unsere Website www.rolliflieger.de melden.“

Um den Alltag zu meistern, bekommen Menschen mit Behinderung also umfangreiche Hilfe von außen, doch um die eigenen Lebenswerte für sich so zu gestalten, wie man sie haben möchte, bleiben sie autarke und selbstbestimmende Menschen.

 

Gibt es in Deutschland echte Inklusion oder ist da noch Luft nach oben?

Inklusion ist ein dehnbarer Begriff, der immer wieder in gesellschaftspolitischen Debatten auftaucht. Vieles, wie die Gleichstellung behinderter Schüler, wird erst seit ein paar Jahren von den Landtagen in Angriff genommen. Die Gleichwertigkeit von Menschen mit Handicap ist aber für viele nichtbehinderte Menschen nicht selbstverständlich. Abseits der politischen Bühne geht es um das Bewusstsein jedes Einzelnen. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin hat Prominente gefragt, wie es ihrer Ansicht nach in Deutschland um die Inklusion steht. Die Antworten hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können.

In Deutschland gibt es jede Menge gelebte Inklusion und damit wunderbare Vorbilder, Motivatoren und Brückenbauer. Darauf können wir stolz sein. Und natürlich gibt es noch Luft nach oben! Wer zum Beispiel die Unternehmen und Konzerne, die großen und kleinen Handwerksfirmen, Shops sowie Behörden erlebt, die für gelungene Inklusion beim Inklusionspreis des Unternehmensforums ausgezeichnet werden, bekommt weiche Knie. Umfassende, von den Mitarbeitern und den Chefetagen gelebte Inklusion. Auf der anderen Seite hapert es bei der Umsetzung der Inklusion – zum Beispiel in den Schulen. Da denke ich: Der Wille ist da, doch die Erfahrung fehlt! Also keine Hektik, kein Druck, sondern aus den Erfahrungen lernen und stetige Verbesserung anstreben, dranbleiben. Die Inklusion ist in unseren Herzen angekommen – jetzt gilt es, sie praktisch zu leben, und dafür braucht es auch… Nachhaltigkeit und Geduld!“

© GFDH-AndreFichte

© GFDH-AndreFichte

Nina Ruge, Journalistin und Autorin, war von 1989 bis 1994 Co-Moderatorin im ZDF heute-journal, startete 1994 die ZDF Nachtnachrichten „heute Nacht“ und moderierte 1997 bis 2007 das ZDF-Magazin „Leute heute“. Zudem verfasste sie 22 Bücher. Die gebürtige Münchnerin lebt bewusst und trägt ihre nachhaltige Lebensweise auch nach außen. So ist sie UNICEF-Botschafterin, Schirmherrin für das „Netzwerk von und für Frauen mit Behinderung in Bayern“ und engagierte sich für den Verein „19,6 Millionen Klub“, dessen Anliegen die Herzgesundheit von Frauen ist. 2013 war sie Botschafterin für die Belange von Menschen mit Behinderung der von Menschen mit Behinderung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. www.nina-ruge.de

© inklusiv-kochen

© inklusiv-kochen

Ich erlebe die Inklusionsdebatte in Deutschland meist sehr politisch und an Gesetzen orientiert. Was mir dabei oft fehlt, ist der emotionale Aspekt. Denn erst wirkliche Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen lassen das Thema vom Kopf ins Herz gehen. Mein Wunsch ist ein offenes Miteinander, ein gutes Gespräch, ein herzliches Lachen und das Schaffen von Gemeinsamkeiten. Denn diese zarten Bande sind der eigentliche Beginn der Barrierefreiheit.“

Volker Westermann, Moderator, Journalist und Showkoch, hat Glasknochen. Bekannt wurde er mit seiner Kabel 1-Sendung „Dinner for everyone“, in der er zusammen mit behinderten und nichtbehinderten prominenten Gästen seiner großen Leidenschaft – dem Kochen – nachgeht. Der gebürtige Badener ist in ganz Deutschland mit Kochevents unterwegs und engagiert sich für die „Aktion Mensch“. www.volkerwestermann.de

Ein so großes, wichtiges und in die Breite gehendes Anliegen wie „Inklusion“ kann aus meiner Sicht schon verbal gesehen nur bedingt gelingen, zumal wenn man auch die Kinder dafür gewinnen will. Ein Wort in unserer Muttersprache würde nicht nur mehr Verständnis und Bereitschaft fördern, sondern auch viele Herzen öffnen. Darum spreche ich lieber von „Einbeziehung“. Meine Stiftungsprojekte vor Ort („Kinder brauchen Musik“) zeigen mir, dass wir erst am Anfang einer langen Entwicklung stehen. Da muss noch viel Bewusstsein und guter Wille geweckt werden. Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten zu benennen, sollte kein Tabu sein. Bewährte Einrichtungen für Kinder mit besonderem Förderbedarf strahlen oft eine Geborgenheit und menschliche Wärme aus, die nicht fahrlässig aufgegeben werden dürfen.“

© M. Gamper

© M. Gamper

Der Liedermacher, Komponist, Musikproduzent und „Hamburger Jung“ Rolf Zuckowski hat sein Leben der Musik für Kinder verschrieben. Er wurde 1982 zusammen mit seinen Freunden mit „… und ganz doll mich“ bekannt. Das Album „Einmal Leben“ ist sein neuestes Projekt. Zuckowski engagiert sich für die Lebenshilfe, im Speziellen für behinderte Kinder. www.musik-fuer-dich.de

Deutschland hat in den zurückliegenden Jahrzehnten erhebliche Fortschritte in Sachen Integration gemacht. Doch Integration ist noch lange nicht Inklusion. Es genügt nicht, nur dabei zu sein. Es geht auch – und besonders – darum, gestaltend an der Gesellschaft mitzuwirken. In dieser Hinsicht stehen wir noch ganz am Anfang. Doch das ist weniger besorgniserregend als die Tatsache, dass weite Kreise der Bevölkerung (selbst unter den Betroffenen und den so genannten Fachleuten) Inklusion als bloße Utopie ansehen. Mit solcher Haltung bleibt sie tatsächlich ein unerreichbares Ziel.“

© Peter Radtke

© Peter Radtke

Der studierte Germanist und Romanist sowie Schauspieler und Autor Dr. Peter Radtke ist aufgrund einer Glasknochen-Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen. Mit Michael Blemheims „Licht am Ende des Tunnels“ initiierte er 1978 in München das erste deutsche Behinderten-Theaterstück. Viele weitere Werke folgten. Radtke ist zudem Autor zahlreicher Bücher und Hörspiele sowie Mitglied des Deutschen Ethikrates und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Behinderung und Medien“. www.peter-radtke.de