Ausgabe 01 / 2018, Die Aktuelle, Herz & Seele
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Warum es uns so schwerfällt loszulassen und wie es dennoch gelingen kann

Free Falling

Ich sitze an meinem Schreibtisch, während draußen der erste Schnee fällt und weiß nicht, wie ich anfangen soll, diesen Artikel über das Thema Loslassen zu schreiben. Die Erwartung an mich selbst, dass dieser Artikel etwas Großartiges werden muss, steht mir im Weg. Ich möchte unbedingt Menschen für dieses Thema öffnen. Das ist ein sehr hoher Anspruch, zu hoch. Und er hält mich davon ab, einfach das zu schreiben, was ich weiß und in meinen Recherchen erfahren habe. Und jetzt, wo ich das schreibe, merke ich, wie der Druck langsam von mir weicht. Denn ich habe die Vorstellung, die mich gefangen hielt, anerkannt und mich von ihr ein Stück weit verabschiedet. Ich habe losgelassen. Nun kann ich endlich beginnen …

Text: Jana Pajonk

„Von der Geburt bis zum Tod gibt es immer wieder Themen, die wir Menschen loslassen müssen“, erklärte mir die Psychotherapeutin Brigitte Neusiedl kürzlich. Das erste Loslassen erleben wir bei der Geburt, wenn wir die Geborgenheit des mütterlichen Körpers verlassen. Wir bekommen Milchzähne und verlieren sie wieder. Wir glauben an den Weihnachtsmann und merken eines Tages, dass es ihn nicht gibt. Unsere Großeltern sterben. Wir verlieben uns und werden verlassen. Wir haben Träume, die nicht wahr werden. Das, was wir uns für eine Situation oder unsere Zukunft vorstellen, endet oft in ganz anderen Gegebenheiten. Gute Vorsätze weichen dem Alltag. Wir müssen geliebte Menschen gehen lassen, unsere
Kinder ziehen aus, unsere Eltern sterben. Irgendwann endet unsere Kindheit, unsere Jugend, unser Arbeitsleben und am Ende wir selbst. Das ist das letzte Loslassen.

Was ist Loslassen?

Loslassen ist Abschied von Vorstellungen, von materiellen Dingen, von Menschen. Es ist immer mit Gefühlen verbunden, die in unserer Gesellschaft negativ bewertet und gern vermieden werden: Enttäuschung, Wut und Trauer. „Mit dem Thema Loslassen werden wir immer konfrontiert, wenn wir irgendwie unzufrieden sind“, sagt Brigitte Neusiedl. „Und dann geht es darum, die Dinge aus anderen Blickwinkeln zu sehen, Gefühle da sein zu lassen und auch um die Sinnfrage.“

Wir müssen ständig loslassen. Und in den kleinen Dingen können wir für die großen üben. Denn letzten Endes folgt jedes Loslassen den gleichen Gesetzmäßigkeiten: Da gibt es eine Annahme, eine Vorstellung, eine Idee oder einen Traum. Doch das, was wir erleben, widerspricht dieser Annahme, Vorstellung, unserer Idee oder unserem Traum. Nun haben wir zwei Möglichkeiten:
Festhalten oder Loslassen.

Über das Festhalten

Festhalten bedeutet, die Dinge, die tatsächlich passieren, auszublenden oder sie umzudeuten. Wir beharren dann auf unserer Vorstellung von etwas, um negativen Gefühlen aus dem Weg zu
gehen. In einem aktiven Prozess ignorieren wir die Tatsachen und verbannen unangenehme Gefühle ins Unterbewusstsein. Das kann viele Jahre gut gehen. Doch immer wieder drängen diese Gefühle an die Oberfläche. Wir werden überfordert, reizbar oder gar depressiv. Wir kapseln uns von anderen Menschen ab, denn umso mehr wir uns auf jemand anderen einlassen, desto schneller können die verdrängten Gefühle angestubst werden.

Die meisten Menschen halten fest, weil in unserer Gesellschaft für Gefühle wie Wut und Trauer, für Fehler und Scheitern wenig Platz ist. Wer sein Leben nicht erwartungsgemäß „auf die Reihe“ bekommt, gilt als schwach. Wir sind umgeben von Ratgebern in Sachen Selbstoptimierung. Und der Überfluss, in dem wir leben, führt dazu, dass wir uns ständig mit neuem Konsum ablenken können, ob mit Medien oder im Einkaufszentrum. Von klein auf lernen wir, dass Fehler etwas Schlechtes sind, die es zu vermeiden gilt. Wir werden angehalten, zu funktionieren und immer aktiv zu sein sowie niemals die Kontrolle zu verlieren. Kein Wunder, dass es vielen Menschen heute schwerfällt, loszulassen, denn Loslassen ist ein zutiefst passiver Prozess, der im krassen Gegensatz zu unserer auf Aktivität getrimmten Gesellschaft steht. „Menschen, die sehr verstandesbetontsind, fällt Loslassen besonders schwer. Denn sie suchen immer mit dem Kopf nach Strategien, ihre Vorstellungen zu erreichen. Und dann ersetzt eine Strategie die andere“, weiß die Expertin, die seit 27 Jahren Menschen durch Krisensituationen begleitet oder einfach in einem besseren Umgang mit Herausforderungen coacht. „Diese verstandesbetonten Menschen müssen erkennen, dass Kopf und Bauch zusammengehören.“

Über das Loslassen

Loslassen bedeutet, zuallererst die verstandesmäßige Kontrolle aufzugeben, die Dinge sein zu lassen, passiv zu werden und zu beobachten: Was ist eigentlich los? Wie gehe ich damit um? Was fühle ich?

"Von klein auf lernen wir, dass Fehler etwas Schlechtes sind, die es zu vermeiden gilt. Wir werden angehalten, zu funktionieren", Brigitte Neusiedl, Psychotherapeutin. (Bildrechte: © Brigitte Neusiedl)

“Von klein auf lernen wir, dass Fehler etwas Schlechtes sind, die es zu vermeiden gilt. Wir werden angehalten, zu funktionieren”, Brigitte Neusiedl, Psychotherapeutin. (Bildrechte: © Brigitte Neusiedl)

„Um wirklich loslassen zu können, müssen wir die negativen Gefühle auflösen“, erklärt Brigitte Neusiedl. Und das gelingt nur, wenn sie erst einmal da sein dürfen. „Wir müssen den Schmerz durchleben, die Enttäuschung, die Wut und die Trauer wirklich fühlen.“ Wenn wir uns dem stellen, geschieht das, was auch das Paradoxon der positiven Psychologie genannt wird: Dem wir uns widersetzen, das wird größer. Das, was wir annehmen, löst sich auf. Erst dann ist Platz für neue Perspektiven, dann können wir den Sinn dessen erfahren, was wir hier lernen, dann entsteht innerer Frieden.

„Dass wir wirklich losgelassen haben, merken wir daran, dass uns ein Thema oder eine Person, etwas, das uns sonst aufgeregt, genervt oder nervös gemacht hat, gefühlsmäßig nicht mehr packt“, erklärt die Psychotherapeutin. „Ich kann dann vollkommen gelassen mit dem Thema umgehen oder mit meinem Ex-Partner auch mal einen Kaffee trinken.“

Wenn wir Wut, Enttäuschung und Trauer durchlebt haben, sind wir wie befreit. Loslassen ist die Voraussetzung dafür, tiefes Glück im Leben empfinden zu können, egal, welche Herausforderungen einem begegnen. Wir sind es gewohnt, festzuhalten, in Angst, Enttäuschungen sowie Wut zu verharren und uns abzulenken. Doch wer den Mut hat, loszulassen, vielleicht auch mit Unterstützung von Fachleuten wie Brigitte Neusiedl, wird reich belohnt: Er fühlt wieder Vertrauen und Sinnhaftigkeit und kann gelassen den Stürmen des Lebens entgegentreten.

Ü B U N G

Atmen Sie sich frei

Ausatmen bedeutet loslassen. Mit dieser kleinen Übung können Sie sich jederzeit etwas Gutes tun. Sie hilft uns, wieder durchatmen zu können, denn unter Druck halten wir oft den Atem an und unsere Atemmuskulatur verspannt sich. In fünf bis zehn Minuten können wir Stress und Druck abbauen und loslassen:

  • Wir legen oder setzen uns bequem bin. Der Oberkörper sollte aufrecht sein.
  • Wir schließen unsere Augen und beobachten ungefähr eine Minute lang unser Atmen.
  • Dann atmen wir fünfmal tief ein und mit einem hörbaren Seufzer wieder aus. Das lockert Atem- und Muskelblockaden.
  • Anschließend gähnen wir herzhaft.
  • Als Nächstes atmen wir hoch zur Schulter, wobei sich der Bauch nach vorne wölbt und tönen mit dem Ausatmen hin zu Bauch und Becken ein tiefes „Uuuuuuuu“ (fünfmal).
  • Zuletzt atmen wir noch fünfmal hoch zur Schulter ein und singen beim Ausatmen das „OM“. Das wirkt lösend und entspannend.

Bildrechte Headerfoto: ©iStock.com/KatarinaBlazhievskaya