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gesehen: Kafka geht ins Kino

Edition Filmmuseum 95: Kafka geht ins Kino

Vieles an Kafkas verstreuten Notizen zum Kino(gehn) ist ein heftiger Abdruck, ein Echo des meist unmittelbar Erlebten und Gesehenen. In ihrer elliptischen Knappheit sind sie Traumresten vergleichbar. Die einzige ausführlichere und zusammenhängende Betrachtung ein Wort, das auch seinem ersten Prosaband vorangestellt ist gilt weniger dem Kino als dem Kaiserpanorama. Kafka schätzt dieses schon aus der Mode gekommene Medium der plastischen Fotografie, weil hier die Bilder “lebendiger als im Kinematographen” seien, hingegen herrsche bei diesem “die Unruhe der Bewegung”; schließlich phantasiert er wie schon vor ihm Peter Rosegger und auch aus rein kommerziellen Gründen der Erfinder des Kaiserpanoramas selbst eine “Vereinigung von Kinema und Stereoskop”, mithin eine noch sehr viel weiter gehende Entrückung ins noktambule Abenteuer.

Kafka registriert sehr genau die paradoxe Macht des Kinos: Ungeachtet des unbestreitbar trivialen Realismus, der leicht durchschaubaren Machart des Ganzen Kafka spricht einmal von “alten Filmerfindungen” , gelingt dem Kino mithilfe der überlebensgroßen Projektion im künstlich verdunkelten Raum eine bis dahin ungeahnte Überwältigung; diese ist so stark, dass sie, wie Kafka schreibt, die Zuschauer erstarren lässt. Die Ähnlichkeit mit Traumgeschichten ist naheliegend und gleichzeitig irreführend, naheliegend, weil das onirische Moment, der Tagtraum, sich ähnlich schwer resümieren und “festhalten” lässt wie der Film, irreführend, weil er ein extrem individualisiertes, inneres Erlebnis ist, das ich mit anderen, im Gegensatz zum Film, nie werde teilen können. Ähnlich wie eine plötzlich hereinbrechende Naturerscheinung ist das Kino imstande, zu rühren, zu verwirren und zu überwältigen. Eine erste Demonstration dieser Überwältigungsmacht hat in Prag Rabbi Löw geliefert, als er Kaiser Rudolf II. und seinen Hof mit einer machtvollen Projektion der Laterna magica in Angst und Schrecken versetzte.

Gegen diese flüchtigen Bilder, die ähnlich wie die Tageszeitungen eine rasch vergängliche Ware waren, mobilisiert Kafka den Depeschen- und Telegrammstil, eine Rhetorik, die versierten Briefstellern im letzten Jahrhundert durchaus geläufig, ja gewissermaßen zur zweiten Sprachnatur geworden war. Mit stenografischer Ökonomie und mit einem untrüglichen Gespür für die Pointe “Street full of water. Please Advise”, so das Telegramm von Robert Benchley bei seinem ersten Venedigbesuch werden das flüchtige, das fliehende Bild und dessen unmittelbare affektive Wirkung “festgehalten”: “Im Kino gewesen. Geweint. Lolotte. Der gute Pfarrer. Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maßlose Unterhaltung.” Das Wechselbad der Gefühle setzt sich sogleich fort: “Vorher trauriger Film Das Unglück im Dock, nachher lustiger Endlich allein.”

Hanns Zischler

„Kafka geht ins Kino“ ist in der Edition Filmmuseum, der vielleicht anspruchsvollsten und engagiertesten Filmreihe dieses Landes, erschienen. Die Edition Filmmuseum ist eine gemeinsame DVD-Publikationsreihe von Filmarchiven und kulturellen Institutionen im deutschen Sprachraum. Ziel ist die Verbreitung künstlerisch und historisch relevanter Filme zu filmhistorschen Informations- und Lehrzwecken in Ausgaben, die sowohl den Möglichkeiten des Mediums DVD als auch den qualitativen Ansprüchen audiovisueller Archive Rechnung tragen.

Inhalt

DVD 1

  • Straßenbahnfahrt durch Prag 1908, 2′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Erster Internationaler Wettbewerb für Luftschiffe und Flugmaschinen, Brescia 1909, 13′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Italienische Reisebilder 1907-1913, 20′
  • Musikbegleitung von Günter A. Buchwald
  • Nick Winter und der Diebstahl der Mona Lisa 1911, 10′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Die weiße Sklavin 1911, 55′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Theodor Körner 1912, 41′
  • Musikbegleitung von Günter A. Buchwald

DVD 2

  • 300-Jahr-Feier des Hauses Romanoff 1913, 16′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Der Andere 1913, 77′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff
  • Die Herzensbrecherin 1913, 47′
  • Musikbegleitung von Richard Siedhoff

DVD 3

  • Daddy-Long-Legs 1919, 99′
  • Musikbegleitung von Günter A. Buchwald
  • Táta Dlouhán 1919, 10′ (Ausschnitt)

DVD 4

  • Rückkehr nach Zion 1921, 78′
  • Musikbegleitung von Günter A. Buchwald
  • Audiokommentar von Stewart Tryster
  • Kafka geht ins Kino 1913, 55′

28-seitiges dreisprachiges Booklet mit Texten von Hanns Zischler und Stefan DrößlerHerausgeber: Filmmuseum München und Goethe-Institut
DVD-Authoring: Tobias Dressel, Gunther Bittmann
DVD-Supervision: Stefan Drößler1. Auflage Mai 2017