Die Aktuelle, Ausgabe 04 / 2019, Orthopädietechnik, Ratgeber, Rehabilitationstechnik
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Diagnose Schlaganfall

Innovative Hilfsmittellösungen helfen Schlaganfallpatienten, ihren Alltag zu bewältigen, wieder mobil zu werden und somit aktiv am Leben teilzunehmen. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin hat sich für Sie bei einem Experten aus dem Sanitätshaus umgehört, Infos zusammengetragen und eine Betroffene getroffen.

Autor: Christian Sujata

Ein Schlaganfall kann jeden von uns treffen. Laut Angabe der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe erleiden ihn in Deutschland jedes Jahr knapp 270.000 Menschen. Rund 20 von 100 sterben innerhalb von vier Wochen, über 37 von 100 innerhalb eines Jahres. Der Schlaganfall ist hierzulande nach Krebs- und Herzerkrankungen die dritthäufigste Todesursache. Zwar überleben die meisten einen Schlaganfall, allerdings kann er bleibende Schäden zur Folge haben, die unter Umständen zu andauernder Pflegebedürftigkeit führen.

Ein Schlaganfall kann zu Lähmungen und Sprachschwierigkeiten führen

Ein Schlaganfall ist immer ein medizinischer Notfall, der umgehend behandelt werden muss. In den meisten Fällen handelt es sich um einen sogenannten Hirninfarkt, bei dem ein verstopftes Blutgefäß zu einer Mangeldurchblutung des Gehirns führt. Man spricht hier von einem ischämischen Infarkt. Ursache ist eine Gefäßverkalkung oder ein Blutgerinnsel. Eine andere Form des Schlaganfalls, die Hirnblutung, tritt ein, wenn ein Blutgefäß im Gehirn platzt und Blut ins Hirngewebe austritt. Beide Ursachen haben zur Folge, dass ein Bereich des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird und Nervenzellen absterben. Ein Schlaganfall kann zum Beispiel zu Lähmungen und Sprachschwierigkeiten führen.

Stroke Units sind auf Schlaganfälle spezialisiert

Angehörige des Schlaganfallpatienten sollten sofort den Rettungsdienst alarmieren und nicht darauf warten, dass die Beschwerden verschwinden. Der Rettungsdienst versorgt den Betroffenen vor Ort und bringt ihn so schnell wie möglich in eine Klinik, im Idealfall in eine sogenannte Stroke Unit, eine auf Schlaganfälle spezialisierte Station. Die Stroke Unit erfüllt die technischen und personellen Voraussetzungen, um den Patienten bestmöglich zu versorgen, und garantiert eine fachübergreifende Behandlung, wo Neurologen, Kardiologen, Gefäßchirurgen sowie Radiologen, aber auch ein spezialisiertes Team aus Krankenpflegern und Therapeuten Hand in Hand arbeitet.

An die Akuttherapie schließt meist eine Rehabilitation an, die bereits auf der Stroke Unit mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie beginnt. Die weiterführende Rehabilitation startet oft schon nach kurzer Zeit in einer Rehaklinik. Dann kommen auch die Hilfsmittelexperten aus dem Sanitätshaus zum Einsatz.

„Hilfsmittel ermöglichen wieder eine aktive Teilnahme am Leben“

Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin sprach mit Orthopädietechnik-Meister Gangolf Fladung vom Sanitätshaus Gebauer in Wilhelmshaven über die Hilfsmittelversorgung von Schlaganfallpatienten. Mehr über das Sanitätshaus mit dem Lächeln erfahren Sie auf der Seite: www.gebauer-hilft.de

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie gelangt ein Schlaganfallpatient nach seinem Klinikaufenthalt zu Ihnen ins Sanitätshaus?
schlaganfall

© Sanitätshaus Gebauer GmbH

Gangolf Fladung: Ein Schlaganfallpatient wird in der Regel zunächst in einer Akutklinik, wenn alles gut läuft, in einer Stroke Unit behandelt. In der Regel erfolgt dort erst eine medikamentöse Therapie, begleitet von Physiotherapie. Im therapeutischen Team von Ärzten, Physio-/Ergotherapeuten und Orthopädietechnikern wird dort oder auch erst im Rahmen der nachfolgenden Rehabilitationsbehandlung der Hilfsmittelbedarf ermittelt und eine Versorgung eingeleitet. Je nachdem, wie stark der Patient betroffen ist, gibt es verschiedene Ansätze hierfür. Wenn gemeinsam das Versorgungskonzept erstellt wurde, erhalten wir als Sanitätshaus dann einen Auftrag zur Durchführung der Versorgung. Natürlich kann sich ein Patient auch dann, wenn der Schlaganfall schon einige Jahre zurückliegt, auf Veranlassung des Hausarztes oder in eigener Initiative an uns wenden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie gelangt der Schlaganfallpatient an seine benötigten Hilfsmittel?

Gangolf Fladung: Zunächst einmal muss die Situation des Patienten individuell erfasst und sein Hilfsmittelbedarf mit ihm gemeinsam erarbeitet werden. Dann wird ein Versorgungsvorschlag für den behandelnden Arzt erstellt. Wenn dieser zustimmt,  wird er ein Rezept entsprechend ausstellen. Wir als Leistungserbringer machen dann einen Kostenvoranschlag, nach dessen Genehmigung die Versorgung durchgeführt wird. Die Mobilität beziehungsweise Selbstständigkeit des Patienten stehen bei der Versorgung immer im Vordergrund, damit dieser möglichst wenig auf andere Personen angewiesen ist.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Hilfsmittel kommen bei Schlaganfallpatienten zum Einsatz?

Gangolf Fladung: Da gibt es ein breites Versorgungsspektrum, das von Unterschenkel- und Fußorthesen unterschiedlichster Bauweise über Handorthesen bis hin zu Rollstühlen reicht. Es kommt immer ganz darauf an, in welcher Form der jeweilige Mensch betroffen ist und welche funktionellen Defizite zu kompensieren sind. So gibt es beispielsweise bei bestimmten Arten von Fußheberlähmungen eine Unterschenkelorthese, die dazu in der Lage ist, über eine Elektrostimulation gelähmte Muskelgruppen zu aktivieren und für den Laufvorgang nutzbar zu machen. Die hierfür notwendigen elektrischen Impulse müssen vorher natürlich genau ermittelt und eingestellt werden. Selbstverständlich muss vorher durch den geschulten Orthopädietechniker im Gespräch mit dem behandelnden Arzt ermittelt werden, ob seitens des Lähmungsniveaus die Voraussetzungen für eine solche Versorgung erfüllt sind.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Es geht dann vermutlich nicht nur um die Auswahl des Hilfsmittels, sondern auch darum, das individuelle Wohnumfeld zu berücksichtigen, oder?

Gangolf Fladung: Ja, im Idealfall machen wir eine Haus- oder Wohnungsbegehung, um vor Ort den Hilfsbedarf und die gegebenenfalls notwendigen Umbaumaßnahmen für den Patienten zu ermitteln. Anschließend entwickeln wir gemeinsam mit dem Patienten und den Angehörigen einen Förderplan, damit die Therapie nach der Reha auch zu Hause fortgesetzt werden kann.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie erlernen die Patienten den Umgang mit ihren Hilfsmitteln?

Gangolf Fladung: Der Patient erhält von unseren Mitarbeitern selbstverständlich immer eine umfangreiche Einweisung in den Umgang mit seinem Hilfsmittel. Für die anschließende Integration in seinen Alltag ist auch die Unterstützung durch Physiotherapeuten und Ergotherapeuten notwendig, die den Umgang mit dem Hilfsmittel im Alltag üben. Natürlich stehen wir für Rückfragen der Therapeuten immer gern zur Verfügung.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Kann sich die Mobilität eines Patienten wieder verbessern?

Gangolf Fladung: Das hängt natürlich von der Grunderkrankung des Betroffenen und vom Ausmaß der Schädigung ab und kann letztendlich in medizinischer Sicht nur vom behandelnden Arzt beantwortet werden. Es ist aber meiner Erfahrung nach durchaus möglich, dass eine Besserung eintritt und der Gebrauch der Hilfsmittel im weiteren Verlauf reduziert werden kann. Die Hilfsmittel sorgen in jedem Fall dafür, dass Patienten wieder aktiver am Leben teilnehmen können.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie hat sich die Versorgung von Schlaganfallpatienten im Laufe der Zeit verändert?

Gangolf Fladung: Vor 15 bis 20 Jahren war die Versorgung sicher noch rigider, steifer und unbequemer als heute. Insbesondere die Möglichkeiten der Elektrostimulation haben sich erheblich weiterentwickelt. Mittlerweile sind viele Hilfsmittel deutlich dynamischer, kleiner, leichter und flexibler als damals. Das hat dazu geführt, dass die Akzeptanz für die Hilfsmittel deutlich gestiegen ist.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie verläuft die Kommunikation mit den Krankenkassen?

Gangolf Fladung: Den Kontakt mit den Krankenkassen übernehmen in der Regel wir für die Patienten. Wenn wir ein Rezept vom behandelnden Arzt erhalten, erstellen wir einen Kostenvoranschlag und reichen diesen bei der Krankenkasse ein. Wie diese damit umgeht, ist sehr unterschiedlich. Während einige schnell entscheiden, zieht sich die Entscheidungsfindung bei anderen deutlich länger hin, und es werden zusätzliche schriftliche Begründungen angefordert.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Bildnachweise Headerfoto: © Ottobock SE & Co. KGaA