Ausgabe 03 / 2017, Die Aktuelle, Ratgeber, Rehabilitationstechnik
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Interview mit Andrea Rädlein, Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e. V.

Das ewige Kreuz mit dem Kreuz

Wohl jeder von uns hat es schon erlebt: Ein eingeklemmter Nerv, eine falsche Bewegung und prompt schmerzt es fürchterlich. Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer eins. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin hat mit Andrea Rädlein, Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e. V., über das Thema gesprochen.

Interview: Christian Sujata

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Warum haben so viele Menschen Rückenschmerzen?

Andrea Rädlein: Eine der Hauptursachen ist zunehmender Bewegungsmangel. Hinzu kommen
einseitige Belastungen am Arbeitsplatz und eine fehlende Balance zwischen langanhaltender sitzender Tätigkeit und rückenbeanspruchender Freizeitbeschäftigung. Selten ist eine Ursache alleine für die Schmerzen verantwortlich. Rückenschmerzen können beispielsweise auch durch
Stress, Entzündungsreaktionen an Sehnen- und Muskelgewebe durch Fehlbelastung, Gewebeablagerungen sowie falsche Ernährung oder aber auch durch Tragen von zu enger Kleidung und falschem Schuhwerk begünstigt werden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie kann man Rückenschmerzen vermeiden?

Andrea Rädlein: Bewegung ist die beste Vorbeugung! Wer sich ein- bis zweimal in der Woche sportlich betätigt, stärkt seine Rückenmuskulatur und bietet dem Schmerz deutlich weniger Angriffspunkte. Im Grunde eignet sich dafür jede Sportart, denn die Rückenmuskulatur ist bei fast jeder Bewegung des Körpers beteiligt und wird somit trainiert. Besonders empfehlenswert sind zum Beispiel Schwimmen, Nordic Walking oder gezielte Rückenübungen, welche auch ganz einfach in den Alltag einzubauen sind. Sportliche Höchstleistung oder ein Sieben-Tage-Programm im Fitnessstudio sind also gar nicht nötig, um den Rücken schmerzfrei zu halten.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Tipps gibt es für Menschen, die viel sitzen müssen?

Andrea Rädlein: Wer viel am Schreibtisch sitzt, sollte den Rücken unbedingt gezielt stärken und damit einen Ausgleich zur bewegungsarmen, sitzenden Arbeitshaltung schaffen. Um die richtige
Sitzposition einzunehmen, kann zusätzlich ein ergonomisch angepasster Bürostuhl oder ein spezielles Keilkissen helfen. Wer lange sitzt, sollte grundsätzlich darauf achten, zwischendurch
die Körperhaltung zu wechseln und ab und an aufzustehen. So lässt sich auch mal im Stehen telefonieren oder zur Besprechung in den nächsten Stock Treppen steigen, anstatt mit dem Aufzug zu fahren. Es lässt sich im Alltag ganz einfach etwas für seine Gesundheit tun. Bereits kleine Verhaltensänderungen in Beruf und Freizeit tragen dazu bei, Fehlhaltungen und die daraus resultierenden Folgen zu vermeiden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Therapien helfen, wenn Schmerzen erst einmal da sind?

Andrea Rädlein: Hat sich der Schmerz rund um die Wirbelsäule festgesetzt, ist es wichtig, einen Experten aufzusuchen. Wir Physiotherapeuten empfehlen, so früh wie möglich etwas gegen die Schmerzen zu tun. Nur dann wird das Rückenleiden nicht chronisch. Wichtig ist: Bleiben Sie aktiv! Viele Schmerzgeplagte haben Angst vor Bewegung: Und genau das ist falsch. Denn: Eine ungesunde Schonhaltung kann die Schmerzen verstärken, da sie die Rückenmuskulatur schwächt, was schließlich zu noch mehr Schmerzen führen kann. Bei starken Muskelverspannungen kann ein Physiotherapeut dabei helfen, den Rücken zu entlasten. Eine dosierte und auf die individuellen Defizite ausgerichtete Bewegungstherapie unter Anleitung eines Physiotherapeuten fördert gezielt und individuell den Leistungsaufbau der Muskulatur sowie den Abbau von Verspannungsschmerzen. Die Funktion von Muskeln, Sehnen und Gelenken wird wieder hergestellt und bleibt in vollem Umfang erhalten. So können Schmerzen verschwinden und auch zukünftig vermieden werden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Was bringen die sogenannten Kinesio-Tapes?

Andrea Rädlein: Die elastischen, bunten Klebebänder (erhältlich in den Sanitätshäusern: www.sanitaetshaus-aktuell.info/finder, Anm. d. Red.) sind ein echter Trend, obwohl ein wissenschaftlicher Nachweis für deren Wirkung bislang noch nicht vorliegt. Ihr Prinzip: Die Tapestreifen werden auf der Haut platziert. Sie setzen damit einen Reiz auf die Haut und stimulieren dort liegende Fasern. Das fördert unter anderem die Durchblutung und entlastet die darunter liegende Muskulatur. Aufkleben sollte die Bänder ein erfahrener Physiotherapeut. Manche private Kassen übernehmen dafür sogar die Kosten. Gesetzlich Versicherte müssen dies leider aus eigener Tasche zahlen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Herzlichen Dank für das Gespräch!