Ausgabe 04 / 2015, Die Aktuelle, Orthopädietechnik, Ratgeber, Sanitätshausbedarf
Schreibe einen Kommentar

Arthrose ist nicht heilbar, moderne Technik ermöglicht allerdings, die Herausforderung positiv anzugehen

Wieder in Bewegung

In Deutschland leiden etwa fünf Millionen Menschen an Arthrose. Sie gilt als die häufigste Gelenkerkrankung. Um die Schmerzen dennoch zu lindern oder auszuschalten arbeiten Kliniken und Sanitätshäuser eng zusammen.

Text: Michi Jo Standl

Der Gelenkverschleiß kann jeden treffen, tritt aber meistens im höheren Alter auf. Neben Hüftgelenksarthrose ist der Abbau der Kniegelenke die häufigste Form der Krankheit. Ursache
ist oft die extreme Belastung eines bestimmten Gelenkes. Als Auslöser für Kniegelenkarthrose kann zum Beispiel Übergewicht ein Auslöser sein. Bei Musikern, wie Pianisten oder Gitarristen, sind oft die Handgelenke betroffen. Aber auch Bewegungsmangel kann zu Arthrose führen.

Zusammenhang zwischen Depression

und Arthrose Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum haben in einer aktuellen Studie sogar einen Zusammenhang zwischen Depression und Arthrose gefunden. Ein Drittel der über 14.300 befragten Arthrose-Patienten lebt mit einer depressiven Erkrankung. Die Forscher gehen
davon aus, dass der Grund in der naturgemäß mangelnden Bewegung von depressiven Menschen liegt. Unabhängig von der Ursache sollten entsprechende Symptome rasch erkannt und behandelt werden.

Vielfältige Behandlungsmöglichkeiten

Tipp vom Gesundheitsexperten Professor Dr. Ingo Froböse: Treten gegen Arthrose

2016-01-28-wieder-in-bewegungSanfte Bewegung kann Arthrose vorbeugen und lindern. Besonders geeignet ist dafür das Radfahren, da die Gelenke dabei ohne Belastung durch das eigene Körpergewicht bewegt werden. Mein Tipp: Statt das eigene Auto oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, schwingen Sie sich so oft wie möglich auf Ihr Fahrrad. Ihre Gelenke werden es Ihnen danken.

Froböse ist Universitätsprofessor an der Deutschen Sporthochschule in Köln und dort Leiter des „Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung“ sowie Leiter des „Instituts für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation“. >>> www.ingo-froboese.de

Im Rahmen einer Operation ein künstliches Gelenk einzusetzen, ist der letzte Schritt, wenn alle anderen Methoden nicht helfen. Eine Hilfestellung bieten Sanitätshäuser mit Orthesen. „Wenn ein Orthopäde bei einem Patienten Arthrose feststellt kann man ein Fortschreiten des Verschleißes durch eine gelenkübergreifende Orthese vermeiden.“, so Stephan Völker,
Betriebsleiter des Mainzer Sanitätshauses Conradt Scherer. Aber eben nur ein Fortschreiten, denn heilbar ist Arthrose nicht. „Die Versorgung mit einer Orthese zögert den OP-Zeitpunkt lediglich hinaus. Man kann durch das Tragen die Operation vorerst vermeiden, aber nicht
ausschließen.“, weiß Völker. Wirken konservative und gelenkerhaltende Behandlungen, wie
Physiotherapie, Muskelaufbautraining und schmerzlindernde Medikamente nicht mehr, muss ein künstliches Gelenk für neue Lebensqualität sorgen. Die Sanitätshäuser bleiben aber in jedem Fall wichtiger Ansprechpartner für die Patienten. Denn nach der Operation muss noch für sechs bis zwölf Wochen eine Orthese getragen werden. Wenn ein Patient aufgrund eines anderen Krankheitsbildes nicht operiert werden kann, kann auch mit konservativen Hilfsmitteln und
Therapien, versucht werden, die Schmerzen einzudämmen sowie den Verschleiß zu stoppen. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Entlastung der betroffenen Gelenke durch Verbände oder elastische Bandagen, physikalische Therapien mit Wärme aus Heizkissen oder Infrarotlich sowie Medikamente gegen die Schmerzen und Entzündungen.

Passgenaue Kniegelenkimplantate sind Innovationen

Die Medizinabteilung der Universität Mainz begleitet eine für Kniearthrose-Patienten maßgebliche Innovation eines US-amerikanischen Medizintechnik-Unternehmens wissenschaftlich. Erstmals können Knieimplantate passgenau mit dem 3D-Drucker angefertigt werden. „85 Prozent der Patienten kommen mit den herkömmlichen Knieprothesen sehr gut zurecht, allerdings sind die restlichen 15 Prozent im Gegensatz zu Patienten mit Hüft-TEP (totale Endoprothese eines Hüftgelenks, Anm. d. Red.) mit dem Ergebnis nicht zufrieden,
beziehungsweise kommen nicht zu recht.“, erklärt der Leiter der Orthopädie und Rheumaorthopädie an der Klinik, Univ.-Professor Dr. Philipp Drees. Warum das so ist, weiß selbst der erfahrene Chirurg nicht. „Häufig sehen die Implantate auf den radiologischen Aufnahmen korrekt aus, eine Erklärung, warum der Patient Beschwerden hat, haben wir bislang
noch nicht gefunden“, so Drees weiter. Die Uniklinik Mainz ist eine der wenigen Zentren in Deutschland, die das Verfahren bereits erfolgreich einsetzt.

Arthrose belastet Patienten auch seelisch

© OFA

© OFA

Menschen, bei denen Arthrose festgestellt wird, haben oft einen langen Weg bis zur endgültigen Linderung vor sich und sind sowohl auf beratenden als auch auf seelischen Beistand angewiesen. Wie sehr die Krankheit die Patienten psychisch belasten kann, kennt auch Stephan Völker aus der Praxis: „Sowohl Kniegelenks- als auch Hüftgelenksarthrose ist ohnehin schon sehr schmerzhaft, doch wenn ein Patient die Arthrose zudem beidseitig hat, ist das psychisch schon belastend.“ Er erlebt immer wieder Situationen, nach denen er seine wichtige Arbeit im
Sanitätshaus bestätigt sieht. „Bei einer Veranstaltung mit Drees meldete sich ein Patient zu Wort, der vor der Erkrankung an Hüftgelenksarthrose leidenschaftlich Tennis gespielt hat.
Aufgrund der starken Schmerzen konnte er seinen Freizeitsport nicht mehr ausüben. Nach der Versorgung mit einem künstlichen Hüftgelenk ist es ihm wieder möglich, zu spielen.“, erzählt
Völker.

Verein steht Betroffenen zur Seite

Ein Anlaufpunkt, gerade für Menschen, bei denen vor kurzem Arthrose festgestellt worden ist, ist auch der Deutsche Arthrose-Hilfe e.V., der Betroffenen ebenfalls zur Seite steht. „Wir helfen Menschen mit Arthrose mit hochwertigem Rat und bei allem, was sie selbst gegen Arthrose
tun können“, so der Präsident des Vereins, Dr. Helmut Huberti. Der Verein gibt viermal jährlich sein Ratgeber-Heft „Arthrose-Info“ heraus, in dem spezifiziert für jedes Gelenk Möglichkeiten der Selbsthilfe vorgestellt werden. Unter www.arthrose.de kann man sich vorab im Internet informieren.

Keine Zeit verlieren

Selbst lediglich als unangenehm abgetane Gelenkschmerzen können eine verkannte Arthrose sein. Deshalb sind sich alle Experten einig, dass man sich rechtzeitig untersuchen lassen und auch eine Operation nicht auf die lange Bank schieben soll.