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„Triathleten werden im Winter gemacht" - Gastbeitrag von Dr. Reinhold Hemker

Den Winter genießen

Immer wieder hört man von Menschen, dass sie sich wieder Sommer und Wärme wünschen. Und es gibt nicht wenige, die angesichts der schmuddeligen Winter mit Schnee, Schneeregen und teilweise Minusgraden gerne dort überwintern, wo es das nicht gibt. Und in der Tat: Die Zahl derjenigen, die sich das leisten können und es auch tun zumindest teilweise, steigt. Ich muss dann angesichts dieser Tatsache oft an meinen langjährigen Trainingspartner Dieter Dankerl denken, der oft bei unseren  Trainingsläufen im Spätherbst und im Winter gesagt hat: „Triathleten werden im Winter gemacht.“

Übergewicht belastet den Körper

Diese Aussage habe ich im Laufe der winterlichen Vorbereitungen auf die Triathlon-Wettkämpfe und die Qualifikationsveranstaltungen für die auf Hawaii stattfindende Ironman-Weltmeisterschaft immer wieder gehört. Ich habe die dahinter stehende Bedeutung dieser für erfahrene Athleten selbstver­ständlichen Binsenwahrheit im Laufe der Zeit erkannt und für mich verinnerlicht. Und in der Tat: In Deutschland ist wegen der Witterungsverhältnisse die Versuchung auch für Ausdauer-und Breitensportler groß, zwischen November und März eine Winterpause einzu­legen, zumindest, was die Trainingsaktivitäten im Freien angeht. Die Folgen sind unübersehbar: Das Idealgewicht rückt in weite Feme. Selbst das Normalgewicht wird überschritten. Messen kann man das nach dem sogenannten BMI (kg/m): Untergewicht weniger als 18,5 Normalgewicht 18,5,-24,5. Übergewicht 25-29,9 . Adipositas/Fettleibigkeit 30 und darüber. Der BMI errechnet sich, indem man seine aktuelle Körpergröße zum Quadrat nimmt (z.B 1,65 x 1,65 =Y) und das aktuelle Körpergewicht durch das Ergebnis Y teilt. Klar ist: Übergewicht belastet den Körper und ist nicht „normal“.

Ich habe erlebt, dass Regen und Wind, Frost und Schnee, Kälte und Feuchtigkeit sogar „Eisen­frauen und  Eisenmänner“ davon abhalten, regelmäßig draußen zu trainieren. Das Rennrad ist „eingemottet‘. Viele träumen und sprechen von der ersten Radausfahrt, wenn die ersten Sonnenstrahlen in der Zeit des Frühlingsanfanges locken. Und selbst diejenigen, die auch ein Mountainbike benutzen, begeben sich kaum an die frische Luft, um auf dem Rad fit zu bleiben. Nach meiner ersten Weltmeisterschaftsteilnahme bin ich dem Rat einiger über Jahre sehr erfolgreichen Wettkampfteilnehmer gefolgt und habe regelmäßig im Winter mein Mountainbike benutzt. Bei kaltem Wetter und klarem Himmel reichte warme Winterkleidung, um die Radausfahrten und die Strecken zu dienstlichen Terminen in meinem damaligen Wahlkreis zu genießen. Das galt auch für die Fahrten von meinem Quartier in Berlin zum Bundestag hin und zurück. Die Handschuhe und die Kapuze wurden jetzt regelmäßiger genutzt. Wenn es regnete, zog ich eine spezielle Regenjacke und eine Hose aus Wasser un­durchlässigem Material über meine Kleidung. Ein Rucksack wurde mein ständiger Begleiter, in dem ich neben den zu benutzenden Materialien die jeweilige Schutz­kleidung verpacken konnte. Im Laufe der Zeit begann ich die Unbilden der Witterung zu ertragen und oft sogar zu genießen. Ich spürte, wie die Schleimhäute ar­beiteten und wie die frische, kalte Luft mich erfrischte. Mein Gesicht glühte viel mehr als früher, aber in diesem Fall als Folge der Kälte und nicht der warmen Sonne.

Der richtige Speiseplan

Oft erinnere mich auch heute noch an die Bemerkungen von Leuten nicht nur in der Winterszeit: „Dann darfst Du ja als Leistungssportler nicht mehr so richtig essen?“ Das geschah und geschieht oft nach dem Motto „Verzichten auf all‘ das Leckere will ich nicht.“ Man hat dabei den Blick auf die Speisen mit Fett und Zucker bei Fleisch, Torten und Eis mit Sahne gerichtet. „Irrtum“ sage ich dann gerne. Wir brauchen gerade bei viel Bewegung und körperlicher Anstrengung besonders im Winter Fett und natürlich auch Zucker. Aber in Maßen und nicht als Hauptbestandteil des Essens. Und wichtig ist, dass es gute Fette wie Pflan­zenöle aus Oliven, Raps oder Sonnenblumen sind. Auf gesättigte Fette sollte ver­zichtet werden. Auch mageres Fleisch, möglichst nicht mit einem panierten Fett­mantel umgeben, gehört zum Speiseplan. Fett ist kein Schreckgespenst. Wichtig ist, dass die Nahrungsbilanz und die Bewegung stimmen. Und die richtige Kleidung im Winter. Dann kann man den Winter richtig genießen. Und die warme Dusche und das Entspannungsbad. Und das leckere Essen danach. Bei mir hat mein Lebensstil nicht nur im Winter dazu geführt, dass mein zu hoher Blutdruck wieder normal wurde. Das gilt auch für die Fettwerte im Blut.

Biologische Aufgaben der Fettsäuren im Organismus

Wichtig zu wissen ist, dass der Körper auf die Fettsäuren angewiesen ist. Denn sie dienen nicht nur als Energie­lieferant. Sie üben auch biologische Aufgaben im Organismus aus. Bekommt der Körper zu wenig Fett, kann es zu einem Verlust der Muskel- und Knochenmasse kommen, zu hormonellen Störungen, zu einer erhöhten Infekt-Anfälligkeit und zu einer Unterversorgung mit fettlöslichen Vitaminen (Mangelsymptomatik) – um nur einige Risiken zu nennen. Und die Nahrungsbilanz muss stimmen! Wer wie Ausdauersportler einen hohen  Gesamttagesenergieumsatz hat, ver­braucht nicht nur mehr Kohlenhydrate, er verbraucht auch mehr Fett. Konsequenter­weise muss er nicht nur mehr Kohlenhydrate zuführen, er muss auch dem höheren Fettverbrauch Rechnung tragen .Allerdings darf besonders im Winter keine Bewegungsarmut erfolgen. Ich habe erst im Oktober wieder bei der WM einen Ironman absolviert. Die Qualifikation dafür ist mir nach dem g e n u s s r e i c h e n Winter 2016/2017 gelungen. Und jetzt will ich wieder den nächsten Winter genießen. Übrigens nicht beim Überwintern im warmen Süden.

Gastbeitrag von Dr. Reinhold Hemker

Hemker ist studierter Theologe und war 15 Jahre lang Mitglied im Deutschen Bundestag. Heute macht er sich als Kreisverbandsvorsitzender des VdK, Deutschlands größtem Sozialverband, für das Voranbringen von Barrierefreiheit und Mobilität überall in Deutschland stark. Die größte Leidenschaft des über 70-jährigen ist der Triathlon.