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Mit dem Handbike über die Alpen

Vom Berg in den Rollstuhl und zurück

Felix Brunner - Mit dem Handbike über die Alpen

Hopferau – Was vor einigen Jahren unmöglich klang, hat Felix Brunner geschafft: Als erster Rollstuhlfahrer hat der damals 24-Jährige aus Hopferau 2013 die Alpen auf einer Mountainbike-Route überquert. 480 Kilometer und 12.000 Höhenmeter liegen hinter dem jungen Mann, dessen Leben die Ärzte aufgegeben hatten.

Nach einem Unfall auf dem Rückweg von einer Eiskletter-Tour lag er acht Monate im künstlichen Koma. Seine linke Hüfte wurde bei dem 30 Meter-Sturz in ein Bachbett pulverisiert. Insgesamt musste er mehr als 60 Mal operiert werden und die Ärzte führten ihm mehr als 800 Blutkonserven zu, um ihn am Leben zu erhalten. „Ohne die vielen Menschen, die Blut spenden gehen, wäre ich heute tot“, so Brunner.

Das Erstaunliche: Der junge Mann hadert nicht mit seinem Schicksal. „Mein Leben ist heute mindestens so schön wie vor dem Unfall“, lacht er selbstbewusst. „Man muss sich den Herausforderungen eben stellen.“ Das hat Brunner vielfach getan seit seinem Unfall. Er werde nie wieder sitzen oder aufstehen können, lautete eine erste Diagnose. Dann saß er im Bett, später im Rollstuhl und stand Weihnachten vor zwei Jahren erstmals mit Krücken wieder aus eigener Kraft auf.

Sport? Undenkbar, sagten die Ärzte. Wenige Monate später fuhr Felix erstmals auf einem speziellen Mono-Ski wieder die Berge hinab. Und dann entstand die Idee mit der Alpenüberquerung. Jetzt denkt Felix über eine neue Hüfte nach, die ihm vielleicht irgendwann auch das Laufen wieder ermöglichen soll. Und über neue Sportarten, die sich daraus ergeben könnten.

Dass man sich hohe Ziele setzen muss, davon ist der junge Allgäuer überzeugt. Die Alpenüberquerung war solch ein Ziel. „Zunächst war das nichts als eine verrückte Idee“, so der ehemalige Bergwachtler. „Aber sie hat mich nicht mehr losgelassen.“ Mit seinem Vater, einem passionierten Mountain-biker, begann er zu planen und zu trainieren. „Ich hab schon ganz schön Respekt vor der Tour gehabt“, sagt er. Und es gab Dutzende von Hindernissen, die er bereits im Vorfeld bewältigen musste.

Zunächst einmal das Handbike: „Zwei Räder hinten und eines vorne, so wie die klassischen Handbikes aussehen – das funktioniert in den Bergen nicht“, erklärt Brunner. „Ich musste engere Kurven fahren und brauchte hinten mehr Traktion, um am Berg nicht wegzurutschen.“ Die Lösung kam aus den USA – ein innovatives Handbike mit zwei Rädern vorne und einem Rad hinten.

Mit Hilfe der Kumpels über schmale Holzstiege

Auch die Tourplanung erwies sich als kompliziert: „Einige Strecken sind typische Single-Trails – da ist ein Handbike einfach zu breit.“ Er trainierte monatelang, fuhr mit Vater und Freunden immer wieder in die Berge, erhöhte kontinuierlich den Schwierigkeitsgrad. „Auf der geplanten Tour gab es dann Passagen, wo du mit dem Fahrrad nicht mehr weiterkommst.“ Eine Schlucht zum Beispiel, über die es auf einer schmalen Holzstiege ging. Oder vom Regen weggespülte Trails und Schotterhalden, die passiert werden mussten. „Laufen kann ich nicht“, erklärt Brunner, „da mussten meine Kumpels mich halt tragen.“

Am 3. August 2013 fuhr Felix Brunner in Füssen los, von mehr als 100 Menschen verabschiedet. Während das Begleitteam feste in die Pedale trat, arbeitete Brunner kräftig mit den Armen – unterstützt von einem kleinen E-Motor, der dem 30 Kilo-Rad vor allem bei steilen Anstiegen ein wenig zusätzlichen Schwung verlieh. Nach neun Tagen, ganz wie geplant, erreichte er Riva am Gardasee.

Mit der absolvierten Route hat es sich Brunner nicht leicht gemacht: Von Füssen ging es über den Fernpass ins Inntal, dann Richtung Reschenpass auf den Alpen-Hauptkamm hinauf. Statt von dort gemütlich über Meran und Bozen abzufahren, legte Brunner noch einmal nach: über die Schweiz und hoch hinauf auf 2604 Meter. Den höchsten Punkt erreichte Brunner am achten Tag während einer 85 Kilometer-Tour mit 2200 Höhenmetern vom Val di Dentro nach Ossana. „Wir waren völlig im Flow und es ging einfach immer weiter“, so Brunner. Kein Wunder, dass er am selben Abend notiert: „Die Müdigkeit wächst stetig.“ Auf und ab, Täler und Höhen. „Man muss sich halt immer wieder herausarbeiten“, lacht er. „Da habe ich ja inzwischen Übung.“ Und so erreichte er am neunten Tag Riva del Garda.

„Ich wusste ja, dass es eine ganz schöne Herausforderung für mich ist“, erzählt er. „Und sowas machst du nicht alleine. Das ging nur, weil meine Familie und meine Freunde mich an vielen Stellen unterstützt haben und ein tolles Team mitgefahren ist.“

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