Ausgabe 03 / 2016, Die Aktuelle, Ratgeber, Sanitätshausbedarf, Sonstiges, Versorgung / Pflege
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Würdevolle Lösungen bei Demenz anstelle von Angst und Hilflosigkeit

Volkskrankheit Demenz: Vergiss mich nicht!

Es gibt kaum eine Krankheit, vor der sich die Menschen mehr fürchten als vor Demenz sowie dem damit zusammenhängenden Verlust von Erinnerung und Kontrolle. In Deutschland gibt es zurzeit 1,5 Millionen Betroffene. Bis 2050 kann sich diese Zahl laut Experten verdreifachen. Doch Panikmache hilft niemandem. Deshalb zeigt Ihnen das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin anhand einiger Beispiele, wie Angehörige mit dem Thema umgehen, welche würdevollen Lösungen es gibt und wie Sie präventiv das eigene Risiko verringern können.

Text: Christian Sujata

[Gesetzliche Leistungen

Wer an Demenz erkrankt, braucht früher oder später regelmäßig Unterstützung. Besteht voraussichtlich länger als ein halbes Jahr Pflegebedarf, übernimmt die Pflegeversicherung teilweise die entstehenden Kosten. Der Umfang hängt von der Schwere der Pflegebedürftigkeit und der jeweiligen Pflegestufe ab. Durch das neue Pflegestärkungsgesetz soll die Situation der Demenzkranken und ihrer Angehörigen verbessert werden. Alle Infos, Hilfen und Zahlen dazu finden Sie unter www.sanitaetshaus-
aktuell.info/pflegestaerkungsgesetz.

Erika hatte uns zu ihrem 60. Geburtstag eingeladen, den sie groß mit ihren vielen Freunden in einem Bochumer Lokal feiern wollte“, erzählt Dorit G.. Es entwickelte sich ein schöner, stimmungsvoller Abend mit gutem Essen und ausgiebigen Gesprächen. Das Geburtstagskind Erika ist an diesem Ehrentag wie stets auffällig gekleidet und extravagant frisiert. Ihre Freundinnen schätzen ihre offenherzige Art und dass sie auch über sich selbst lachen kann. Ihre kleinen Schwächen, ihre bekannte Schrulligkeit und Vergesslichkeit, verzeiht man ihr da gerne. Was sie am späten Abend ihres Geburtstages berichtete, sorgte trotz ihrer bekannten Wesenszüge bei Dorit und den anderen Freundinnen allerdings für leichtes Staunen. „Erika erzählte uns, dass sie auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben sei, da sie gleich mehrmals die Unterrichtsräume nicht mehr auffinden konnte“, so Dorit G.. Erika war Englisch- und Kunstlehrerin und machte sich trotz mehrerer solcher Ereignisse keine großen Sorgen.

Geistige Fähigkeiten, Sprache und Motorik lassen nach

Zu Beginn einer Demenz (das lateinische Wort dementia bedeutet „ohne Verstand“) leidet das Kurzzeitgedächtnis. Betroffene sind vergesslich, verlegen Gegenstände und es fällt ihnen schwer, sich zu konzentrieren oder in fremder Umgebung zu orientieren. Demenz ist ein Oberbegriff für rund 50 Krankheiten, von denen Alzheimer (siehe Infobox „Demenzformen“ auf Seite 10) die häufigste ist. Es gibt zahlreiche Faktoren, die eine Demenz begünstigen können. Gemeinsam ist allen Demenzerkrankungen das fortschreitende Absterben von Nervenzellen im Gehirn und dass die Krankheit nicht heilbar ist. Die geistigen Fähigkeiten, Sprache und Motorik der Betroffenen lassen nach und sie können den Alltag nicht mehr bewältigen. Die Ursachen dafür sind noch weitgehend unbekannt.

 

Die häufigsten Demenzformen

Alzheimer
Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. Das Typische der Alzheimer-Krankheit besteht darin, dass das Absterben von Nervenzellen mit der Bildung von abnorm veränderten Eiweißbruchstücken einhergeht, die sich im Gehirn ablagern. Die Krankheit führt dazu, dass in bestimmten Bereichen des Gehirns Nervenzellen allmählich zugrunde gehen, regelrechte Löcher im Gehirn entstehen und das Gehirn sich insgesamt verkleinert. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kann die Erkrankung mittels einer Computertomographie erkannt werden.

Vaskuläre Demenz
Verursacht durch Durchblutungsstörungen, für die kleine Schlaganfälle verantwortlich sind, also krankhafte Veränderungen der Gefäße. Heilbar ist die vaskuläre Demenz nicht. Sie sollte aber möglichst früh behandelt werden.

Lewy-Körperchen-Demenz
In den Nervenzellen des Gehirns lagern sich Eiweißreste ab, die nicht richtig abgebaut werden. Diese Einschlüsse sind viel seltener als die Plaques, die bei Alzheimer auftreten. Sie lösen häufig schon im frühen Stadium Sinnestäuschungen aus.

Frontotemporale Demenz
Sie wird häufig mit psychischen Störungen verwechselt, weil sich viele Betroffene auffällig und unsozial verhalten, während ihr Gedächtnis weitgehend erhalten bleibt.

 

„Bei Erika häuften sich die seltsamen Situationen“, sagt Dorit G.. „Mal konnte sie ihre Schlüssel nicht finden, dann schaffte sie es nicht, damit die Wohnungstür zu öffnen, schließlich vergaß sie völlig, wo sie ihr Auto abgestellt hat.“ Den Begriff Demenz nahm Erika jedoch selbst nicht in den Mund. Doch da ihr Krankheitsausfall an der Schule immer länger wurde, empfahl ihr die Schulleiterin, eine Auszeit zu nehmen.

Richtige Diagnose wichtig für passende Therapien

Die erste Anlaufstelle für eine Untersuchung ist meist die Hausarztpraxis. Dort kennt man seine Patienten und kann einschätzen, ob sich ihre geistige Verfassung verändert hat. Bei Bedarf folgt die Überweisung in eine neurologische Praxis oder eine Gedächtnisambulanz. Dort können spezielle Demenz-Tests Klarheit bringen. Viele Menschen schämen sich, wenn sie die Diagnose Demenz erhalten. Dabei ist die richtige Diagnose wichtig (Hinweis: Einen verlässlichen Demenz-Test zur Selbstdiagnose  gibt es nicht), um andere Ursachen auszuschließen und mit einer passenden Therapie zu beginnen.

„Bei manchen Formen der Demenzerkrankung kann durch eine adäquate Behandlung eine deutliche Verbesserung erzielt werden“, berichtet Elke Zeller, Diplom-Sozialarbeiterin und Diplom-Sozialgerontologin, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Auferkorte das Netzwerk Demenz im südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis betreut (das komplette Interview mit Elke Zeller lesen Sie unter www.sanitaetshaus-aktuell.info/netzwerk-demenz). Bei den Therapien können Medikamente zum Einsatz kommen, aber genauso wichtig sind nichtmedikamentöse Maßnahmen, wie kognitives Training, Ergo- und Musiktherapie, in bestimmten Fällen auch Psychotherapie. Ziel der Therapien ist es, den Betroffenen so lange wie möglich ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das Netzwerk hat das Ziel, dass sich Betroffene und Angehörige gegenseitig über aktuelle Entwicklungen sowie neue Erkenntnisse im Hinblick auf Demenz austauschen. Denn wenn der Arzt erstmal eine Demenz diagnostiziert, ist diese Nachricht für den Betroffenen und seine Angehörigen ein großer Schock, der erst einmal verdaut werden muss.

Einfachste Aufgaben werden zu unüberwindbaren Problemen

Circa zwei Jahre nach ihrem 60. Geburtstag hat Erika ihre Wohnung nur noch sehr selten verlassen, auch das Autofahren hat sie aufgegeben. Um sie sehen zu können, musste Dorit G. sie damals in ihrer Wohnung aufsuchen: „Da gab es Situationen, dass sie nach einem Besuch bei Kaffee und Kuchen entsetzt vor dem benutzten Geschirr stand und uns panisch fragte ‚Was mache ich nur mit dem ganzen Geschirr?‘.“ Logische Lösungen kamen Erika zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in den Sinn, einfachste Aufgaben wurden für sie so plötzlich zu unüberwindbaren Problemen. „Ansonsten war diese Zeit besonders dadurch gekennzeichnet, dass sie sich kaum noch aktiv an unseren Gesprächen beteiligte, sondern nur noch teilnahmslos zuhörte“, berichtet Dorit G. weiter. Je fortgeschrittener die Erkrankung ist, desto häufiger reagieren die Betroffenen mit Apathie.

© Chantal Louis

© Chantal Louis

Typisch bei Demenzkranken ist auch ein von einer Minute zur anderen auftretendes aggressives Verhalten. Das führt oft zu problematischen Situationen, insbesondere in der häuslichen Pflege. Irgendwann gilt es ohnehin, zu entscheiden, an welchem Ort ein Mensch mit fortschreitender Demenz am besten aufgehoben ist: bei der Familie, im Pflegeheim, in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke? „Meine Omma kam zunächst ins Altersheim. Doch dieses Heim war auf demente Menschen überhaupt nicht eingestellt und meine Omma ist dort einfach durch die Maschen gerutscht“, erzählt Chantal Louis, seit 1994 Redakteurin bei der Zeitschrift EMMA und Autorin des Buches „Ommas Glück – Das Leben meiner Großmutter in ihrer Demenz-WG“. Chantal Louis wurde bei ihrer Suche nach einer alternativen Wohnform in Form einer Demenz-WG fündig. „Dort herrschte eine so warme und schöne Atmosphäre und es wurde so individuell, liebevoll auf die Menschen eingegangen, dass meine Omma direkt dort eingezogen ist.“ (Das komplette Interview mit Chantal Louis lesen Sie hier)

Prävention kann sich lohnen

 

…bewusst ernährt…

Mediterrane Ernährung scheint vor Alzheimer und anderen Formen der Demenz zu schützen. Viel Obst, Gemüse, Fisch, Olivenöl und Vollkornbrot sollten deshalb auf dem Speiseplan stehen. Schweinefleisch und Milchprodukte wie fetter Käse und Butter sind dagegen nur in Maßen zuträglich.

…körperlich fit…

RegelmäSSige Bewegung fördert das körperliche Wohlbefinden und bringt das Gehirn auf Touren. Altersgerechte Angebote gibt es in fast jeder Gemeinde. Wichtig ist es aber auch, die Bewegung in den Alltag zu integrieren. Zum Briefkasten muss niemand mit dem Auto fahren.

…geistig beweglich…

Wer in Beruf und Freizeit geistig rege ist, hat ein geringeres Risiko, später demenzkrank zu werden. Bis weit ins Rentenalter tragen kulturelle Aktivitäten, mathematische Knobeleien oder kreative Hobbys
dazu bei, ein gutes Gedächtnis zu bewahren.

…sozial aktiv…

Soziale Aktivitäten tragen nachweislich dazu bei, das Demenz-Risiko zu senken. Wer sich regelmäßig mit anderen Menschen austauscht, der fordert das Gehirn auf besonders vielfältige Weise und hält es in Schwung. Die Forschung weiß heute: Je mehr wir unter Leute gehen und uns gemeinschaftlich einbringen, desto größer ist unsere Chance, auch im Alter geistig fit zu sein.

Quelle: Wegweiser Demenz, Bundesinnenministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Weltweit gibt es 46,8 Millionen Betroffene

„Erika konnte irgendwann nicht mehr alleine leben und kam auf die Demenzstation eines Altenheims“, erzählt Dorit G.. „Kurz darauf hat sie keinen Kontakt mehr von unserer Seite zugelassen.“ Von Erikas Tochter erfuhr sie, dass die Demenzkranke später nur noch teilnahmslos zur Decke gestarrt hat, nicht mehr ansprechbar war und das Essen verweigerte. Als sie verstarb war sie 66. Weltweit leben 46,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. Experten beziffern die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten auf jährlich mehr als 700 Milliarden Euro. Doch gibt es immer wieder auch Meldungen aus der Forschung, die Hoffnung machen, dass irgendwann der Durchbruch bei Medikamenten gelingt, die den Verfall aufhalten können.

Positiver Blick in die Zukunft

„Wir wünschen uns für die Zukunft, dass wir mit einer Demenz solange wie möglich am Leben in unserem Stadtteil, mit unseren Freunden und Angehörigen teilhaben können. Darauf sollten sich der Einzelhandel, Banken und andere Dienstleister einstellen“, wünscht sich Elke Zeller vom Netzwerk Demenz. „Menschen mit Demenz haben viele Fähigkeiten und Ressourcen, diese sollten sie solange wie möglich mit Unterstützung durch ihr Lebensumfeld nutzen können.“ Dorit G. hat sich seit dem Tod ihrer Freundin Erika manchmal die Frage gestellt, ob das nicht furchtbar sein muss, wenn man merkt, dass man an Demenz erkrankt ist oder ist es für den Betroffenen selbst eher wie ein seliges Vergessen? „Den Antworten bin ich noch nicht näher gekommen, aber ich blicke weiterhin stets positiv in die Zukunft, ohne Angst davor zu haben, irgendwann selbst betroffen sein zu können.“

 

Linktipps

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. schloss sich in den 80er Jahren an einzelnen Orten in Deutschland durch Angehörige von Demenzkranken, begleitet von fachlichen Helfern, zu Selbsthilfegruppen zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen und die Situation für die Betroffenen zu verbessern. Auf der Internetseite finden Sie Anlaufstellen für Demenz-Tests in Ihrer Nähe: www.deutsche-alzheimer.de

Auf der Seite www.sanitaetshaus-aktuell.info/filmtipps-demenz haben wir Filme für Sie aufgelistet, die sich auf unterschiedliche Art mit der Thematik Demenz auseinandersetzen.