Ausgabe 03 / 2015, Die Aktuelle, Herz & Seele, Ratgeber, Sonstiges
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Das Besondere am Singen

Heilsames Singen: Drückt’s dich wo? Sing dich froh!

… heißt es im Volksmund. Tatsächlich hat Singen die Fähigkeit, zu heilen und ist ein treuer Begleiter durch die Höhen und Tiefen des Alltags. Das Singen nimmt innerhalb der Musik einen besonderen Platz ein, weil wir beim Singen gleichzeitig Spieler, Instrument und Hörer sind.

Text: Jana Pajonk

Morgen Abend kann ich die Kinder nicht abholen, da habe ich Chorprobe“, sagt der Vater von Carlotta zu mir, die gemeinsam mit meiner Tochter zu einem Kindergeburtstag eingeladen ist. „Was, Du singst?“, frage ich den Luft- und Raumfahrtingenieur ungläubig. Nachdem er jahrelang als Unternehmensberater durch die Welt geflogen ist, hat er vor zwei Jahren die Geschäftsführung eines Kinderintensivpflegedienstes übernommen und studiert nebenbei Gesundheitsmanagement. Der Vater zweier Kinder war für mich bis dahin vor allem ein vielbeschäftigter Geschäftsmann. Das so jemand singt, ist ungewöhnlich. „Ja“, antwortet er. „Ich singe schon seit vielen Jahren in einem A-capella-Chor“.

Gegenpol zum angespannten Alltag

Nachdem meine erste Irritation verflogen ist, sehe ich plötzlich eine Seite an ihm ganz deutlich, die mir vorher gar nicht so bewusst war: Trotz seines unheimlich anstrengenden Jobs ist er immer freundlich, gelassen und ein sehr liebevoller Vater. Kann das was mit dem Singen zu tun haben? Ich frage eine, die es wissen muss: die Musikpädagogin Anke Bolz. „Es ist gut möglich, dass es da einen Zusammenhang gibt“, sagt Anke Bolz. „Singen in einem Chor, Singkreis oder bei Mitsingveranstaltungen kann einen Gegenpol zum angespannten und zeitlich eng getakteten Geschäftsalltag bieten.“

Die Stimme befördert vieles an die Oberfläche

© Anke Bolz

© Anke Bolz

Die Stimme eines Menschen ist einzigartig. Sie zum Ausdruck zu bringen, befördert vieles an die Oberfläche, was wir oft unterdrücken, weil wir gelernt haben, dass man das nicht offen zeigt. Gefühle wie Überforderung, Traurigkeit, Enttäuschung, Wut, aber auch ausufernde Freude finden so hinaus aus unserem Körper. „Nach 20 Minuten Singen mit ganzem Herzen fühle ich mich insgesamt einfach besser im Vergleich zu meinem Ausgangszustand, egal, von wo ich ausgehe“, erklärt Anke Bolz. „Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich eine Melodie halten kann, meine Stimme zu tief, zu hoch, zu leise oder zu kratzig ist.“ Ich möchte es genauer wissen und frage weiter.

Was ist das Besondere am Singen?
Anke Bolz: „Das Singen nimmt innerhalb der Musik einen besonderen Platz ein, weil wir beim Singen gleichzeitig Spieler, Instrument und Hörer sind. Beim Singen können wir unsere Erfahrungen sowie Emotionen in Balance bringen und integrieren. Körperliche und
geistige Erschöpfungszustände, überschießende Energien, Aufregung, Stress oder auch kaum zu fassendes Glück fordern uns manchmal heraus, wie eine große Trockenheit im Garten oder ein Sturzregen. Durch Singen versetzen wir unser Körper-Geist-Seele-System in die Lage, all die kleinen und großen Ereignisse im Leben ganz in uns aufzunehmen und uns nicht vor dem Leben zu verschließen. Das ist aktive Gesundheitsförderung, sowohl präventiv als auch in der Therapie.“

Können Sie ein bisschen genauer erklären, wie Singen die Gesundheit fördert?
Anke Bolz: „Heute leben die meisten von uns in ständiger Angst, etwa nicht gut genug zu sein, die Arbeit nicht zu schaffen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Das versetzt den Körper in eine dauerhafte Anspannung, auch Stress genannt, die inzwischen als Ursache vieler Krankheiten identifiziert ist. Aus Leib und Seele singen, löst diese Angst auf, die sich körperlich zum Beispiel durch Zwerchfellhochstand, hochgezogene Schultern oder eine flache Atmung bemerkbar macht. Beim Singen verlangsamt und vertieft sich die Atmung und das Zwerchfell senkt sich. Singen ist eine einfache Möglichkeit, immer wieder aus dem Karussell von Angst und Stress herauszusteigen. Und das tut unserer Seele und dem Körper gut.“

Nach dem Interview fahre ich, vor mich hin singend, meine Großmutter besuchen. Sie ist 84 Jahre alt und kann sich kaum noch aufrecht halten. Aber jeden Montag schiebt sie ihren Rollator pünktlich um 14 Uhr zur Bushaltestelle. Sie fährt bis in den nächsten Stadtteil und läuft dann noch ein gutes Stück, um an der Probe des Tausendfüßler-Chors teilzunehmen.

Musik ist wie Heilung

„Ich könnte ohne Singen gar nicht sein. Die Musik hat mir geholfen, wieder gesund zu werden“, erzählt sie mir am Nachmittag beim Tee in der Seniorenresidenz. „Als ich nach meiner Krebs-OP aus der Narkose erwachte, habe ich als erstes die Atemübungen aus dem Chor gemacht.“ Und dann berichtet sie mit einem Leuchten in den Augen von den Musikstunden mit Herrn Keck, hier in der Residenz, wenn die Frauen, die von Alzheimer gezeichnet sonst kein Wort von sich geben, plötzlich alle Texte der Lieder ihrer Jugend mitsingen. „Dann sind sie plötzlich hellwach“, berichtet meine Oma, „und singen mit einer Inbrunst, als wäre es ihre Heilung.“

Eine Energie, die das Herz erreicht und erleichtert

Und wenn ich im Dezember dem Weihnachtskonzert des Tausendfüßler-Chors lausche, wo 20 Frauen zwischen 60 und 95 von Liebe und Frieden singen, laufen mir genauso wie den demenzkranken Heimbewohnern Tränen übers Gesicht. Es ist der Moment, in dem alles erfahrene Leid mit den unendlichen Hoffnungen des Lebens verschmilzt. Es ist eine Energie, die alle Mauern durchdringt, das Herz erreicht und es erleichtert. Das ist Musik.