Ausgabe 03 / 2015, Die Aktuelle, Ratgeber, Rehabilitationstechnik
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Den Experten des reha teams über die Schulter geschaut

Das reha team kümmert sich um einzigartige kleine Menschen

Ich stehe an der Ampel. Neben mir eine Mutter mit ihrem vielleicht achtjährigen Sohn. Er sitzt im Rollstuhl. Ich spüre spontan Mitleid. Ein Kind im Rollstuhl, dieses Bild bewegt. Denn es widerspricht auf den ersten Blick dem, was Kindheit ausmacht: Ausgelassen toben, herumtollen, sich ausprobieren. Was brauchen diese Kinder, um im Alltag so weit wie möglich Kind sein zu können? SANITÄTSHAUS AKTUELL hat sich bei den Experten für Kinder im reha team umgehört.

Text: Jana Pajonk

© Jana Pajonk

© Jana Pajonk

Ich begrüße meine kleinen Patienten genauso, wie ich es mit jedem anderen Kind auch tun würde“, sagt Sascha Rother vom Kinder reha team des Sanitätshauses Mais in Passau. Zusammen mit seinem Kollegen Sascha Lademann betreut er seit sechs Jahren Patienten zwischen 0 und 18 Jahren im Osten Bayerns. „Mit Humor zeige ich meinen kleinen Patienten, dass ich sie ernst nehme. Anstatt: ‚Ach, Du Armer sitzt im Rollstuhl‘, sage ich: ‚Hey, was geht?‘ – Das tut den Kindern gut und auch mir, weil ich so mit ihnen ins Gespräch komme“, sagt der gelernte Orthopädietechniker. Der energiegeladene, fröhliche Mann hat im linken Ohr mindestens 15 Ohrringe und bunte Ketten um Hals und Handgelenk. Ich kann mir gut vorstellen, dass Kinder sich in seiner Gegenwart wohlfühlen. Kommunikation, Offenheit und Humor seien das A und O in seinem Job. „Rede mit denen, mit denen Du arbeitest“, formuliert er sein Credo. „Und das sind in meinem Fall in erster Linie die Kinder. Alles, was ich mache, sage ich zuerst ihnen, dann erst den Eltern.“

Geeignete Maßnahmen und Hilfsmittel werden individuell für jedes Kind erstellt

Bevor einer der beiden Saschas Rollstühle, Stehhilfen oder Therapiesitze anpasst, macht er sich ein genaues Bild vom Kind und seiner Situation. Dazu besucht er es zu Hause. „Als allererstes gehen wir der Frage nach: Was kann das Kind?“, berichtet Sascha Lademann. „Dazu reden wir mit ihm, beobachten es, sprechen mit den Eltern. Neben körperlichen Fähigkeiten wie Greiffunktionen oder Rumpfstabilität interessieren uns die kognitiven: Wie kommuniziert es? Was und wie nimmt es die Umgebung wahr?“ Dann erkunden die Jungs vom reha team Hindernisse wie Treppen, Türen und Absätze. „Erst, wenn wir ein genaues Bild vom Kind und seiner Lebenssituation haben, besprechen wir die geeigneten Maßnahmen und Hilfsmittel und erstellen ein umfassendes Versorgungskonzept“, sagt Lademann.

© Jana Pajonk

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Berater, Gesprächspartner und Seelsorger in einer Person

Alles, was die beiden Männer tun, dient dazu, das Kind so weit wie irgendwie möglich, Kind sein zu lassen. Das heißt, alle Möglichkeiten der Bewegung, die es hat, zu nutzen, kleine zu erhalten, und, wo es geht, zu verbessern. Sie wissen genau, welche technischen Hilfsmittel was können. Sie passen die Geräte ihren kleinen Patienten optimal an, verlegen Stützen und Steuerungen, bauen Hilfskonstruktionen. „Es erfüllt mich mit Freude zu sehen, wenn ich dazu beitragen kann, dass ein Kind den Alltag leichter und selbständiger meistert und so ein Stück Lebensqualität zurückbekommt“, sagt Lademann. Der freundliche, Gemütlichkeit und Wohlwollen ausstrahlende Mann Anfang vierzig ist ein Quereinsteiger, wie viele hier im Sanitätshaus Mais. Seine Ausbildung als Werkzeugmechaniker kommt ihm in seinem jetzigen Job ebenso zugute wie seine Erfahrungen in der Pflege und im kaufmännischen Bereich. „Unser Beruf beinhaltet so viel mehr als den Verkauf und die Anlieferung von Mobilitätshilfen“, sagt Rother. „Wir sind Berater, Gesprächspartner und oft auch Seelsorger.“ „Das Schöne ist, dass die Geschäftsführung uns hier die Zeit dafür gibt“, ergänzt Lademann.

reha teams stehen in Kontakt mit Angehörigen, Ärzten und Therapeuten

Ich kann mir gut vorstellen, dass die beiden schon vielen Familien mit ihrem Wissen und ihrem großen Herz durch schwere Zeiten geholfen haben. Dachte ich bisher immer, ein Sanitätshaus ist ein Laden, in den man geht und zum Beispiel mit einem Rollator herauskommt, wurde ich hier eines Besseren belehrt. 15 Mitarbeiter hat das reha team des Sanitätshauses Mais in Passau. In ganz Deutschland arbeiten gut geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den reha teams der Sanitätshaus Aktuell AG. Sie verkaufen nicht einfach Hilfsmittel, sondern erarbeiten individuelle Versorgungskonzepte. Sie besuchen Patienten zuhause, beraten pflegende Angehörige, stehen in Kontakt mit Ärzten sowie Therapeuten und helfen mit Anträgen bei Krankenkassen. Sie haben stets ein offenes Ohr – oft jahrelang.

Bewegungsfreiheit auch im Rollstuhl

Nach dem Gespräch zeigt mir Konrad Walkens, der Leiter des Passauer reha teams, Rollstühle, Fahrräder und Therapiesitze. Er und seine beiden Kollegen setzen sich drauf und fahren herum. Wir lachen. „Wir haben täglich mit so viel Leid zu tun. Da darf der Spaß als Ausgleich nicht zu kurz kommen“, sind sie sich einig und fordern mich auf, in einem Sportrollstuhl Platz zu nehmen. Etwas unsicher, aber entschlossen nehme ich die Einladung an. Das coole Design gefällt mir. Ich bin beeindruckt, wie leicht er sich bedienen, in alle Richtungen drehen und wenden lässt. Jetzt kann ich fühlen, was Technik leistet und wie viel Bewegungsfreiheit man auch im Rollstuhl haben kann. Wenn ich heute an der Ampel neben einem Kind im Rollstuhl stehe, ist mein Interesse an dem Menschen größer als mein Mitleid. Mich interessiert, ob es gerade fröhlich ist, ich suche nach seinem Blick und lächle es an. So wie ich es mit allen Kindern mache, die mir begegnen. Weil sie eben Kinder sind und im Moment leben und sie es verdient haben, fröhlich zu sein und für voll genommen zu werden. Egal, ob im Rollstuhl oder auf eigenen Beinen.