Ausgabe 03 / 2015, Die Aktuelle, Orthopädietechnik, Ratgeber
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Bewegungsfreiheit dank Prothesen & Orthesen

Wundertechnik Prothesen und Orthesen: Neuer Schritt ins alte Leben

Jährlich werden in Deutschland etwa 60.000 Gliedmaßen amputiert. SANITÄTSHAUS AKTUELL hat sich für Sie in einem Sanitätshaus zu diesem sensiblen Thema umgehört und beleuchtet, was den Beruf des Orthopädietechnik-Mechanikers ausmacht.

Text: Michi Jo Standl

Es ist der 10. Juli 2015. Der 69 Jahre alte Josef K.* ist mit seinem Motorrad in Oberreute im malerischen Allgäu unterwegs – eine ländlich geprägte Region, die romantische Zweiradfahrer anzieht. Der Biker genießt bei sommerlichen Temperaturen den Ausblick und den kühlenden Fahrtwind.

Ein Augenblick, der alles verändert

Zur selben Zeit ist Landwirt Alois F.* unweit seines Hofes mit Heuwenden beschäftigt. Um auf eine andere Wiese zu kommen, muss er die Straße nutzen. Eine Strecke, auf der er mit seinem Traktor fast täglich unterwegs ist. Doch an diesem Tag sollte alles anders werden. Er fährt auf die ihm wohlbekannte S-Kurve zu. Josef K. steuert mit seiner Maschine die Kurve aus der Gegenrichtung an. Der Bauer sieht den Motorradfahrer und dann passiert es. Josef K. schätzt offenbar den Abstand zu dem landwirtschaftlichen Gespann falsch ein und bleibt mit seinem linken Bein im Kreisler hängen. Er überlebt, doch sein Bein wird unterhalb des Knies abgetrennt. Einer von jährlich unzähligen Unfällen, die bei den Opfern zum Verlust von Gliedmaßen führen.
*Namen von der Redaktion geändert.

Amputationen haben vielfältige Ursachen

Nicht nur bei sogenannten traumatologischen Amputationen durch einen Unfall, wie ihn Josef. K erlebt hat, können Menschen Beine oder Arme verlieren. Auch Krankheiten sind eine Ursache, etwa Knochenkrebs oder Diabetes. In jedem Fall ist es für den Betroffenen ein herber Verlust. Das Leben ändert sich – vorerst. Denn um den Ist-Zustand wieder möglichst naturgetreu herzustellen, kümmern sich die ortho teams der Sanitätshäuser gemeinsam mit den Kliniken und Reha-Zentren. Eine Prothese muss her.

Einfühlungsvermögen ist eine wichtige Voraussetzung für Orthopädietechniker

© emotionpic.de

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Die Orthopädietechniker sind die ersten, mit denen der Patient nach der Operation in Berührung kommt. Dass, bevor die eigentliche Technik an Bedeutung gewinnt, Einfühlungsvermögen wichtig ist, weiß Torsten Willimzik, ein Bayer im saarländischen Dillingen und Inhaber des Sanitätshauses Stein: „Wir suchen zuerst einmal das Gespräch, stellen uns vor, erklären wer wir sind und was wir machen.“ So soll zum Betroffenen Vertrauen aufgebaut werden. „Wir versuchen den psychischen Zustand des Patienten abzuschätzen und  ihn zu motivieren“, so der gelernte Orthopädietechnikmeister. Diesen menschlichen Bereich der Arbeit, der offiziell nicht Teil der Ausbildung ist, vermittelt er seinen Auszubildenden schon ab dem ersten Lehrjahr, wie der gebürtige Mönchengladbacher, der das Unternehmen von seinem Vater übernommen hat, erzählt.

Maß wird genommen

„Der ideale Zeitpunkt, um an den Patienten heranzutreten und Maß zu nehmen, ist, nachdem die Wunde verheilt ist und vom Arzt die Fäden gezogen wurden“, erklärt der 37-jährige. Jeder Amputationspatient hat bei seiner Krankenkasse Anspruch auf eine funktionsfähige Prothese. „Nur wenn zum Beispiel ein Mensch durch sein hohes Alter an das Bett gefesselt ist, bekommt er eine sogenannte Schmuckprothese“. Das werde dann individuell entschieden, so der passionierte Techniker. Künstlerisch begabte Orthopädietechniker kümmern sich um die Kosmetik der Prothesen. Um die Hilfsmittel auch optisch dem Körper anzupassen, wird zum Beispiel die Hautfarbe des Patienten möglichst originalgetreu nachempfunden. Sogar die Behaarung kann imitiert werden. „Die Haut im Sommer brauner werden zu lassen, ist natürlich nicht möglich“, sagt Willimzik.

Abwechslungsreicher Beruf

Aus medizinischer Sicht genauso wichtig, aber nicht so endgültig wie Prothesen, sind Orthesen. Werden Prothesen als Ersatz von Körperteilen eingesetzt, so dienen Orthesen zur Stabilisierung und Entlastung von Körperteilen, zum Beispiel bei Verletzungen oder Verschleiß. Diese Hilfsmittel werden ebenfalls in den Werkstätten der Sanitätshäuser für jeden Patienten individuell angefertigt. Anders als im Sanitätshaus Klein, gibt es deutschlandweit für die Sanitätshäuser zurzeit große Nachwuchsprobleme für den Beruf des Orthopädie-Technik-Mechanikers, wie heute die korrekte Bezeichnung des Handwerkes lautet. Besonders stolz ist Willimzik auf seine Auszubildende Irene Merklinger, die beim diesjährigen Leistungswettbewerb der saarländischen Handwerkskammer in ihrem Beruf als Prüfungsbeste
hervorging. Sie habe den Beruf gewählt, weil sie sich schon immer für Medizin und Technik interessiert hat, sagt die Saarländerin. Neben den zwischenmenschlichen Aspekten, fasziniere sie auch die ständige technische Entwicklung zum Wohle der Patienten. „Das Glücksgefühl,
das der Patient nach der ersten erfolgreichen Gangprobe verspürt, überträgt sich automatisch auf den Techniker und das macht den Beruf zu etwas ganz Besonderem.“, so die junge Frau.

 

Interview mit Paralympics-Sprintstar David Behre
„Das Leben, das ich nach dem Unfall führe, ist top“
David Behre gerät 2007 unter einen Zug und verliert dabei beide Unterschenkel. Im Interview mit SANITÄTSHAUS AKTUELL spricht der heute 28-jährige über seine Motivation, die ihm den Weg zum international erfolgreichen Profisportler geebnet hat und wie er anderen Betroffenen Mut macht.
© Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

© Ralf Kuckuck, DBS-Akademie

Sie haben noch im Krankenhaus beschlossen Profisprinter zu werden?
 David Behre: Ja, fünf Tage nach meinem Unfall lief im Fernsehen ein Bericht über den südafrikanischen Sprint-Star Oskar Pistorius. Das hat mich so motiviert, dass ich mir gesagt habe: „Ach krass, guck mal, das geht trotz Behinderung, nach einem schweren Unfall kann man so eine Leistung vollbringen“ und da habe ich entschieden, dass ich das auch machen will.

Braucht es da besonders mentale Stärke?
 David Behre: Ich habe das zu diesem Zeitpunkt gebraucht. Man liegt als junger Mensch im Krankenhaus und weiß nicht, wie es weitergeht. Plötzlich bekommt man so eine Optimalbedingung gezeigt und daran habe ich mich hochgezogen.

Ihr Satz „Meine Beine will ich gar nicht mehr zurück haben“ ist schon fast legendär…
 David Behre: Ja, ich werde immer wieder darauf angesprochen, muss ihn aber natürlich relativieren. Ich führe ein ganz normales Leben ohne irgendwelche Einschränkungen. Ich kann als Leistungssportler mein Geld verdienen, komme viel rum, lerne andere Kulturen kennen. Das macht mir so unglaublich viel Spaß, dass ich den Satz so sage: Das Leben, das ich nach dem Unfall führe, ist top. Deshalb will ich mein altes nicht zurück.

Vermissen Sie gar nichts in Ihrem Leben nach dem Unfall?
 David Behre: Es gibt eine Sache, die ich nicht kann, nämlich Bungee Jumping, weil man da an den Füßen festgemacht wird. Aber damit kann ich leben.

Sie machen Motivationstraining für Menschen mit ähnlichen Schicksalen. Wie begegnen Ihnen diese oft auch noch sehr jungen Patienten?
 David Behre: Ich gehe dazu direkt in die Kliniken. Die Motivation entwickelt sich im Laufe des Gesprächs. Meist sind sie sehr skeptisch, was auch verständlich ist. Man beäugt sich, im Laufe der Zeit wird der Patient immer offener. Ich kann ihm ja nur Anstöße geben, weiter zu machen und sich nicht hängen zu lassen.

Spielt dabei Psychologie eine große Rolle?
 David Behre: Psychologen machen das rein theoretisch. Ich gehe zuerst mal mit langer Hose in das Zimmer und frage den Patienten „Na, was habe ich?“. Dann höre ich: „Du hast doch nichts.“. Danach gehe ich raus, ziehe mir eine kurze Hose an, komme mit meinen Prothesen rein und sage: „Guck mal, ich habe dasselbe wie du und habe auch alles durchgemacht.“ Das Gespräch dauert dann etwa eineinhalb Stunden. Danach geht es den Menschen meistens viel besser und mir gibt es übrigens auch extrem viel zurück, denn ich sehe in deren Augen, was in dem Augenblick mit ihnen passiert.

Ein Versicherungsunternehmen, für das Sie als Unfallbotschafter auftreten, hat die Kampagne „Mutbürger“ ins Leben gerufen. Ein Pendant zu Deutschlands Wutbürgern?
David Behre: Die Deutschen schimpfen sehr viel, ob übers Wetter oder über die Politik. Für Menschen, die so einen schweren Schicksalsschlag erlebt haben, sind andere Dinge wichtiger und man regt sich viel weniger über Banalitäten auf. Es relativiert sich alles.

Die obligatorische Frage zum Schluss: Ihre nächsten Ziele?
 David Behre: Ganz klar, von den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro mit Gold nach Hause zu kommen.

Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg und bedanken uns für das Interview!
David Behre: Ich danke!

Sein erstes WM-Gold konnte David Behre bereits zwei Jahre nach seinem tragischen Unfall sein Eigen nennen. Sein bisher größter Erfolg war die Bronzemedaille über 4 x 100 Meter bei den Paralympics 2012 in London.