Ausgabe 04 / 2016, Die Aktuelle, Orthopädietechnik, Ratgeber
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Menschen im Sanitätshaus - Teil 4: Orthopädie-Techniker

Orthopädie-Techniker – Meister der Orthetik und Prothetik

Im Sanitätshaus Lappe in der Lüneburger Heide entsteht orthopädisches Hightech. Die Sensibilisierung für den Menschen hinter der Behinderung beginnt noch vor der Ausbildung. Darauf legt Geschäftsführer Christoph Lappe großen Wert.

Text: Michi Jo Standl

„Für mich war im jungen Alter schon klar, dass ich Orthopädie-Techniker werden will“, erinnert sich Christoph Lappe zurück. Heute führt er das Sanitätshaus Lappe mit Hauptsitz im niedersächsischen Uelzen. Zusammen mit seinen 75 Mitarbeitern hilft er in sieben Niederlassungen Menschen, die auf Hilfsmittel angewiesen sind, das tägliche Leben zu meistern. Neben den Bereichen Sanitätsfachhandel und Reha-Technik nimmt die Orthopädie-Technik einen großen Raum in dem Traditionsunternehmen ein. Dazu zählen Prothesen genauso wie Orthesen aus der eigenen Werkstätte sowie Leibbinden und Bandagen. Auch eine eigene Orthopädie-Schuhwerkstatt gehört zum Unternehmen.

Über Schottland zum Unternehmer

© Sanitätshaus Lappe

© Sanitätshaus Lappe

Dass Christoph Lappe mit viel Herzblut dabei ist, kommt nicht von ungefähr. Das Sanitätshaus hat sein Großvater bereits 1946 gegründet. Schon als Kind habe er in der Werkstatt gespielt, erzählt er. Obwohl für ihn klar war, dass er den Beruf des Orthopädie-Technikers erlernen will, konnte er sich eine Ausbildung im elterlichen Betrieb aber nicht vorstellen. Der junge Niedersachse ging nach Schottland und studierte Orthopädie-Technik. Seine Eltern hätten ihn nach einem Kongress in Großbritannien darauf gebracht. Mit einem Abschluss als Ingenieur und dem Meisterbrief von der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik kehrte er zurück in den elterlichen Betrieb.

Der Mensch hinter der Behinderung

Das Sanitätshaus bildet auch aus. Den Nachwuchs an die wichtigen Aufgaben der Orthopädie-Technik heranzuführen, ist für Lappe genauso ein wichtiger Pfeiler des Erfolgs, wie den Auszubildenden das optimale Verhältnis zu den Kunden zu vermitteln. Im Hinterkopf habe er immer vor Augen, wie es ihm als Studenten bei der Anprobe der ersten Beinprothese ergangen ist. Die Herausforderung sei, betont Lappe, mit den unterschiedlichsten Materialen und verschiedenen industriell hergestellten Teilen, das Hilfsmittel, das genau zum Patienten passt, anzufertigen. Das sei die Kernkompetenz der Orthopädie-Techniker. „Der Fokus liegt nicht auf der Behinderung, sondern auf dem, was der Patient mit dem Hilfsmittel erreichen will.“ Und der Mensch hinter der Behinderung stehe immer im Mittelpunkt des Handelns.

Wertarbeit und menschliche Werte

Das technische Verständnis ist nur ein Teil des Orthopädie-Handwerks. „Es reicht nicht, eine klare Kante zu machen. Das Hilfsmittel muss zum Menschen passen, den richtigen Zweck erfüllen und auch noch funktionieren“, so Lappe weiter. Eine große Herausforderung für junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in diesem Bereich interessieren. Deshalb ist es Christoph Lappe wichtig, dass Bewerber vor dem Ausbildungsvertrag ein mindestens einwöchiges Praktikum im Unternehmen mit Patientenkontakt absolvieren. Nicht nur, um die handwerklichen Fähigkeiten an sich zu testen, sondern um auch zu schauen, ob sie mit den einzelnen Schicksalen, mit den Menschen, die hinter einem Auftrag für ein Hilfsmittel stehen, klar kommen. Und die meisten kämen klar, erzählt der Geschäftsführer. „Viele bewerben sich schon mit einer sozialen Einstellung.“ Besonders stolz ist der Geschäftsführer darauf, dass in seinem Unternehmen Orthopädie-Technik-Studenten von der Fachhochschule Münster im dualen Ausbildungssystem den praktischen Teil durchlaufen: „Wir waren eines der ersten Sanitätshäuser in Deutschland, in denen das möglich ist“, erzählt Christoph Lappe.

Was ist Orthopädie-Technik?

In diesem wichtigen Tätigkeitsbereich von Sanitätshäusern werden mechanische Hilfsmittel gefertigt, die Menschen mit einer Krankheit oder einer Behinderung unterstützen sollen. ORTHESEN unterstützen den Körper von außen, zum Beispiel bei einer Gelenkschwäche, PROTHESEN ersetzen Körperteile. Die Hilfsmittel werden dem Patienten genau angepasst. Auch Bandagen, Leibbinden, Stützmieder und Schuheinlagen zählen zur Orthopädie-Technik. Offene Stellen vom Azubi bis zur Führungskraft im Bereich Orthopädie-Technik gibt es unter: www.sani-aktuell/jobs

„Der Beruf des Orthopädie-Technikers bietet vielfältige Herausforderungen“

Wer sich für eine Ausbildung zum Orthopädie-Techniker entscheidet, hat viele Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Das SANITÄTHAUS AKTUELL Magazin hat mit Norbert Stein, Geschäftsführer des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik, über den Beruf gesprochen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Orthopädie-Techniker gehört nicht unbedingt zu den vorrangigen Berufswünschen von jungen Leuten. Gibt es einen Lehrlingsmangel?

© BIV-OT

© BIV-OT

Norbert Stein: Wir hören schon aus den Betrieben, dass es schwieriger wird, die Ausbildungsstellen zu besetzen. Erfreulicherweise konnten wir aber in den letzten zwei Jahren eine Steigerung der Ausbildungszahlen feststellen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, wenn man sich für eine solche Ausbildung entscheidet?

Norbert Stein: Neben einem guten Schulabschluss in der Sekundarstufe 1, sollten Bewerber technisches Verständnis, aber auch Taktgefühl und Einfühlungsvermögen mitbringen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Ist Orthopädie-Techniker eher ein Männerberuf?

Norbert Stein: Es interessieren sich auch immer mehr Mädchen für den Beruf. Das Verhältnis bei den neuen Auszubildenden ist annähernd ausgeglichen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Möglichkeiten zur Ausbildung gibt es?

Norbert Stein: Der klassische Weg ist die Lehre in einem Betrieb. Danach hat man die Möglichkeit, sich mit einem Meistertitel selbständig zu machen. Es gibt aber auch Studiengänge,
die mit Master oder Bachelor enden.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Welche Chancen bietet der Arbeitsmarkt?

Norbert Stein: Nach der Lehre kann man die Gesellen- und anschließend die Meisterprüfung machen. Nicht nur Sanitätshäuser sind auf der Suche nach qualifizierten Technikern, genauso auch große Hersteller von Hilfsmitteln. Die Ausbildung bietet vielfältige Herausforderungen, zum Beispiel den Umgang mit den verschiedensten Materialien. Mit dieser Ausbildung kann man sogar in den Auto- oder Modellbau gehen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wo können sich interessierte Jugendliche informieren?

Norbert Stein: Bei uns, also bei dem Bundesinnungsverband, oder bei den Landesinnungen.