Ausgabe 02 / 2017, Die Aktuelle, Herz & Seele, Ratgeber, Sonstiges
Schreibe einen Kommentar

Die vergessenen Schätze unserer Natur

Medizin der Erde

Wenn es zwickt und zwackt, suchen wir Hilfe in geschlossenen Räumen, bei Menschen in weißen Kitteln und ihren bunten Pillen. Unsere Vorfahren gingen raus in die Natur. Sie wussten, dass mit den Pflanzen Heiler und Gesundheitsförderer stets in unserer Nähe sind.

Text: Jana Pajonk

Menschen und Pflanzen haben einen uralten Vertrag miteinander‘, pflegte mein Phytotherapie-Lehrer immer zu sagen“, erinnert sich Isabel Knauf als ich sie an einem der ersten Frühlingstage des Jahres am südwestlichen Berliner Stadtrand treffe. Die 39-jährige verfügt über einen enormen Wissensschatz zu den Heilwirkungen von Pflanzen. „Menschen atmen das ein, was die Pflanzen ausatmen. Und umgekehrt. Wir sind in einem direkten Austausch. Ohne die Pflanzen können wir nicht überleben“, erklärt sie. Diesen Fakt kennt jedes Schulkind, aber was diese Verbindung wirklich bedeutet, wird mir jetzt bewusst. Ich stehe im ersten warmen Sonnenlicht des Jahres, schließe die Augen und atme tief ein – und aus.

Zu jeder Jahreszeit wachsen genau die Pflanzen, die wir gerade brauchen

Heute sind 13 Grad und die ersten Frühlingssonnenstrahlen erwärmen nicht nur unsere Gemüter. Sie haben auf dem ehemaligen Todesstreifen am Berliner Stadtrand zwischen Bäumen einen zarten grünen Teppich wachsen lassen. „Zu jeder Jahreszeit wachsen genau die Pflanzen, die wir gerade brauchen“, sagt Isabel und deutet auf einen kleinen dunkelgrünen Spross mit mehreren Blättern und gezackten Rändern. „Diese großartige Pflanze hier hilft uns zu entgiften, sie entwässert und unterstützt den Blutaufbau. All das ist nach den dunklen Wintermonaten sehr wichtig.“ Es ist eine Brennnessel.

Energetisierende Frühlingskräuter

Die Urtica dioica, wie Brennnessel mit lateinischem Namen heißt, ist ein wahrer Tausendsassa, erfahre ich. Eine Brennnesselkur im Frühjahr wirkt wahre Wunder, heißt es. Man kann die Blätter das ganze Jahr über essen, zubereitet wie Spinat, frittiert als Chips, als Belag auf einer Pizza oder als Brennnessel-Lasagne – wer sich etwas Gutes tun will, greift zu! Auch die Samen, die sich im Sommer und Herbst an den Blütenständen ausbilden, sind geröstet eine leckere Zutat im Müsli, Brötchenteig oder leicht gesalzen als Snack zwischendurch. Unser Körper freut sich über diese guten Proteine. Und wer mit Wassereinlagerungen zu kämpfen hat, dem hilft ein Tee aus getrockneten Blättern dieser wundervollen Pflanze, die nur allzu oft am Wegesrand missachtet wird.

© Jana Pajonk

© Jana Pajonk

Wir laufen weiter und entdecken jungen Giersch, Löwenzahn, Vogelmiere und Gänseblümchen. „All diese Frühlingskräuter helfen uns, die Frühjahrsmüdigkeit zu vertreiben“, schwärmt Isabel. „Sie enthalten so viele Vitamine und Mineralstoffe, die wir gerade jetzt brauchen.“ Bei einem Spaziergang hin und wieder ein zartes Blättchen in den Mund – und schon haben wir etwas für unsere Gesundheit getan. „Aber gut kauen“, rät die Expertin. „Denn die grünen Pflanzenteile sind roh schwer verdaulich und müssen daher gut zerkleinert werden.“ Man kann sich auch eine Handvoll sammeln und den morgendlichen Smoothie oder den Salat zum Mittag damit aufpeppen.

Erfrischende Früchte im Sommer

„Im Sommer braucht der Körper vor allem Wasser und Vitamine“, erklärt Isabel Knauf. Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren und Brombeeren sind voll davon. „Außerdem spenden Bäume uns einen Schatten, der wesentlich angenehmer ist als der unter einem Sonnenschirm“, sagt Isabel Knauf und ich kann ihr sofort beipflichten. „Das liegt an der Verdunstungskühle“,
erläutert sie. Und ich staune über dieses durchdringende Gefühl, das in mir aufsteigt, wenn ich daran denke, wie ganzheitlich die Pflanzen um uns herum für unser Wohlbefinden sorgen.

Kräuterweihe im Herbst

Der Herbst ist Erntezeit. Hier wird deutlich, wie reichhaltig das Angebot an Medizin der Wildnis ist. „Alle Nahrungspflanzen haben gesundheitsfördernde Wirkungen“, sagt Isabel. „Mit einer auf die individuellen Bedürfnisse und Befindlichkeiten abgestimmte Ernährung kann man viel ausgleichen.“ Unsere Vorfahren sammelten im Herbst auch Kräuter, trockneten und segneten sie, auf dass man gut durch den Winter komme. Kräuterbüschel hingen in jeder Stube, darunter Salbei (hilft bei Erkältungen), Johanniskraut (bei depressiven Verstimmungen) oder Beifuß (unterstützt die Verdauung und hilft bei Frauenleiden).

Mit offenen Augen und Herzen durch die Natur

Wenn Sie einen Garten haben, oder einfach immer wieder an einer bestimmten Stelle spazieren gehen, schauen Sie einmal genauer hin. Was wächst hier und da? Vielleicht sprießt gerade der Spitzwegerich auf dem Rasen während ein Husten im Anmarsch ist. Oder es wächst Schöllkraut
unter einem Baum – und sie haben eine Warze? Bei einer Freundin von Isabel wuchs eines Tages plötzlich eine große Karden-Distel mitten im Garten. Zur gleichen Zeit wurde bei ihr Borelliose diagnostiziert. Und bei dieser Krankheit wird Kardentinktur als Phytotherapeutikum
verwendet. Zufall? Bei meinen Recherchen habe ich viele solcher Geschichten gehört. Also sehen und fühlen Sie mal hin, was Ihnen die Natur in ihrem direkten Umfeld an Hilfe anbietet.
Neben industrieller Landwirtschaft, direkt an Straßen und an Hundespazierwegen sollten Sie keine Wildkräuter ernten, weil diese dort mit Verunreinigungen und Giftstoffen belastet sind. Und ansonsten genießen Sie die stille, stets wache Gegenwart der Natur. Sie ist heilsam an sich. „In der Natur darfst Du einfach sein, so wie Du bist“, beendet Isabel unseren Rundgang. „Sie urteilt nicht. Sie ist einfach für Dich und mit Dir da.“