Ausgabe 04 / 2015, Die Aktuelle, Herz & Seele
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gelesen: Freundschaft

Ein Freund, ein guter Freund…

Die große Bedeutung von Freundschaften besang Heinz Rühmann schon im Jahre 1930 in  seinem berühmten Lied. Wer gute Freunde hat, lebt länger! Freundschaften sind für die Gesundheit wichtiger als Sport oder Nichtrauchen, sagen Wissenschaftler. Sie stärken unser Immunsystem. Und doch vernachlässigen wir unsere Freunde oft. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin sprach mit dem Psychotherapeuten und Autor Dr. Wolfgang Krüger. Er möchte, dass wir unseren Freundschaften mehr Aufmerksamkeit widmen. Gut täte uns das allemal!

Interview: Jana Pajonk

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Herr Dr. Krüger, zahlreiche Studien belegen, dass Freundschaften unserer Gesundheit guttun. Können Sie uns erklären, warum das so ist?

Krüger: Ja. Wir Menschen haben zwei Probleme, auf die jeder eine Antwort finden muss: Unsicherheit und Einsamkeit. Wer diese nicht löst, leidet sein Leben lang unter Stimmungsschwankungen, Angst, Depression und psychosomatischen Beschwerden. Das schädigt auch unser Immunsystem. Wer Freunde hat, ist weniger einsam und unsicher – und das stärkt uns. Eine Partnerschaft reicht dazu nicht aus. Wir brauchen ein soziales Dorf, wie einen Rettungsring, der uns umgibt.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie findet man diese Leute, also Freunde?

Krüger: Wir finden Freunde genau da, wo wir unseren Interessen nachgehen: Im Studium, im Berufsleben, in der Volkshochschule oder im Sportverein. Es braucht immer das berühmte Dritte, etwas, worüber man reden kann. Menschen, die uns sympathisch sind und ähnliche Werte sowie Lebensvorstellungen haben, werden unsere Freunde. Hunde und Kinder sind gute Freundschaftstifter, denn schnell ist man beim Spaziergang oder auf dem Spielplatz im Gespräch. Wir brauchen einen Anlass, um ins Gespräch zu kommen. Die meisten Menschen sind zu schüchtern.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Wie viele Freunde braucht ein Mensch denn?

Krüger: Im Durchschnitt haben wir bis zu drei gute und zwölf lockere Freundschaften. Das ist ein gutes Maß, denke ich. Man sollte neben einzelnen Freundschaften auch Gruppenfreundschaften haben, also Freundeskreise, mit denen man gemeinsame Erlebnisse hat.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Also unterscheiden Sie auch Arten von Freundschaft? Welche gibt es denn?

Krüger: Aristoteles definierte drei Arten von Freundschaft, die ich mal modern formulieren möchte: Da gibt es Vitamin B-Freundschaften, die einem irgendwie von Nutzen sind. Dann gibt es Freizeitfreundschaften, das sind Menschen, mit denen man Interessen teilt und etwas unternimmt. Und dann gibt es die Herzensfreunde, die wenigen Menschen, mit denen im Laufe der Zeit eine große Nähe entsteht. Die durchschnittliche Dauer dieser Herzensfreundschaften liegt bei weit über 20 Jahren. Das fühlt sich gut an.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Gibt es denn auch „falsche“ Freunde?

Krüger: Ja, es gibt die, die immer nur nehmen oder vom Geld oder Ansehen eines anderen Menschen profitieren. Diese Leute erkennt man daran, dass sie bei der ersten Krise abspringen – oder spätestens dann, wenn Geld oder Ansehen, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit, plötzlich wegfallen. Und wenn man anfängt, sich selbst besser kennenzulernen, spürt man zunehmend ganz genau, wer einem guttut und wer nicht. In Krisen oder bei der persönlichen Weiterentwicklung trennt sich die berühmte Spreu vom Weizen.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Und woran erkenne ich meine guten Freunde?

Krüger: Daran, dass ich mit diesen Menschen über alles reden kann, auch über Dinge wie Probleme mit der Beziehung, Gedanken ans Fremdgehen oder das Verhältnis zu meinen Eltern oder Kindern. Weniger gute und tiefe Freundschaften lösen sich in Konfliktsituationen einfach
auf. Auf gute Freunde kann ich mich dagegen immer verlassen und fühle mich verstanden. Wie gesagt, in der Regel hat jeder von uns höchstens drei dieser innigen Freundschaften.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Kann ich selbst etwas dazu beitragen, dass ich gute Freunde finde?

Krüger: Ja. Ich muss mir selbst ein guter Freund sein. Ich muss wissen: Wer bin ich? Was sind meine Affekte und Themen? Diese innere Lebendigkeit ist die Grundvoraussetzung für Freundschaft. Distanzierte Menschen mit wenig Kontakt zu sich selbst können keine innige Freundschaften finden. Denn nur, wenn ich mit mir in Kontakt bin, hab ich auch das Bedürfnis, mit anderen in Austausch zu treten. Dann ist mir Freundschaft ein Bedürfnis.

In der Partnerschaft oder in Familien gibt es oft Konflikte. Warum fühlen sich Freundschaften im Vergleich zu Liebes- oder Verwandtschaftsbeziehungen oft so „leicht“ an?

Krüger: Weil wir einen gewissen Abstand haben und uns freiwillig zusammentun. Familienbeziehungen sind unfreiwillig und verpflichten zu gegenseitiger Hilfe. In der Liebe kommen wir uns sehr nah. Es treten alte Verletzungen unserer Kindheit und unsere Einseitigkeiten zutage, die das Verhältnis belasten und auf Lösung drängen. Freundschaften haben keine Beziehungsautomatik und sind selbstgestaltet. Man hat sie, weil man Lust hat. Man verabredet und entscheidet sich frei füreinander. Deswegen fühlen wir uns hier so wohl.

Haben Sie ein Rezept für die Pflege von Freundschaften?

Krüger: Interesse ist ein wunderbares Mittel zur Pflege von Freundschaften. Rufen Sie an, treffen Sie sich, reden Sie! Schreiben Sie auch mal einen Freundschaftsbrief. Sagen Sie offen,
was Sie an Ihren Freunden schätzen. Die meisten Freunde lernen wir im Erwachsenenalter kennen. Um diese wirklich zu verstehen, schaue ich mit Ihnen Fotoalben aus der Kindheit und Jugend an. Auch ungewöhnliche Fragen sind hilfreich: „Bist Du glücklich?“ oder „Wovon hast Du als Kind geträumt?“ Wenn Freundschaften intensiv sein sollen, müssen wir sie intensiv gestalten.

SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin: Vielen Dank für dieses inspirierende Gespräch!